60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Das Ende der Schein-Wirtschaft

Kaffee statt "Muckefuck": Anfang Mai 1950 schafft Ludwig Erhard die Lebensmittelmarken ab und entlässt Westdeutschland endgültig in die Marktwirtschaft. In der DDR gab es Lebensmittelmarken noch acht Jahre länger als im Westen.

BERLIN. "Notfallvorsorge" stand in der Stellenausschreibung. Damit konnte Michael Rothe zunächst nichts anfangen, als er sich vor fünf Jahren für die Leitung des Wirtschaftsamtes im Bezirksamt zu Berlin-Spandau bewarb. Vorsorge für welche Notfälle? In einem Wirtschaftsamt?

Rothe bekam den Job - und lernte hinzu: Werden in seinem Bezirk im Westen der Hauptstadt die Lebensmittel knapp, muss er sie rationieren, indem er Lebensmittelmarken ausgibt. "Det et det heute noch jipt, haick nich jewusst", gibt Rothe zu und zuckt mit den schmalen Schultern. Dann lehnt er sich auf den überfüllten Schreibtisch in seiner Amtsstube und sagt: "Für mich war dat ein Dokument der Jeschichte."

Eine Geschichte, deren - vorerst - letztes Kapitel am 1. Mai 1950 geschrieben wurde, in der 18. Kalenderwoche vor 56 Jahren. An diesem Tag verteilten die bundesdeutschen Behörden die letzten Lebensmittelmarken in der Nachkriegs-Bundesrepublik. "Dieser Tag hat eine große symbolische und politische Bedeutung", sagt der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Die Naturalwirtschaft in Deutschland verschwand, die Marktwirtschaft kam.

In der DDR gab es Lebensmittelmarken noch acht Jahre länger als im Westen. Für die Deutschen in der Sowjetischen Besatzungszone war die Versorgung mit Nahrungsmitteln viel länger unsicher. Die Bodenreform 1945, die Großbetriebe aufsplittete und unter Kleinbauern verteilte, schmälerte den Ernteertrag zu sehr.

Im Westen bringt das historische Werk seinem Schöpfer zunächst allerhand Scherereien mit den Besatzungsmächten ein. Wenige Tage nach der Währungsreform im Sommer 1948 verkündet Ludwig Erhard: Für große Warengruppen ist die Bewirtschaftung aufgehoben.

Der einzige Bezugsschein, den man künftig noch brauche, sei die neue Deutsche Mark, kündigt der Wirtschaftsdirektor der Bizone an. Die Alliierten erfahren von Erhards Schritt ebenso wie alle Bürger: aus dem Radio.

Kaum hat die Militärregierung den "Verrückten namens Erhard" reden gehört, zitiert sie ihn - wie der "Spiegel" 1953 schrieb - vor die Wirtschaftsoffiziere im kleinen Versammlungsraum des IG-Farben-Hauses in Frankfurt.

Die Offiziere haben präzise Statistiken parat: Alle 18 Jahre ein Hemd, alle 29 Jahre ein paar Strümpfe, alle 98 Jahre einen Anzug - eine höhere Verteilung lasse die Produktion je Kopf nicht zu, wird Erhard belehrt. Wie er unter diesen Umständen die Bewirtschaftungsvorschriften ändern könne?

Der Dolmetscher traut sich kaum, Erhards Antwort zu übersetzen: "Ich habe sie nicht geändert. Ich hebe sie auf", sagt Ludwig Erhard.

Und das tut er auch. Ins Leitsätzegesetz vom 24. Juni 1948 lässt Erhard schreiben: "Der Freigabe aus der Bewirtschaftung ist vor ihrer Beibehaltung der Vorzug zu geben." Damit befreit Ludwig Erhard die Wirtschaft von staatlicher Preissetzung. Nach jahrelanger Kriegs- und Planwirtschaft gelten ab Mai 1950 wieder die Regeln des freien Marktes.

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