60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Dax: 30 auf einen Streich

Im März 2000 erreicht der noch junge Aktienindex Dax seinen ersten historischen Höchststand vor der späteren Talfahrt. Mit dem Crash der New Economy und 9/11 geht es bergab - und viele Deutsche verlieren die Lust am Spekulieren.

FRANKFURT. Der Mittfünfziger hier mitten in Ostfriesland redet ganz offen über seine Finanzen. Geldsorgen habe er nie gehabt, nachdem er seine Druckerei verkauft hatte. Er legte sich davon einen Zweitwohnsitz in der Schweiz zu und brachte das restliche Geld zur Bank. Von den Zinsen habe er gut leben können, erzählt er - wären da nicht die Freunde gewesen, die jeden Freitag beim Stammtisch mit ihren Börsengewinnen prahlten. Und Tipps zum besten gaben, mit denen es so weitergehen sollte. Und irgendwann probierte der Mann sie aus, die gut gemeinten Tipps seiner guten Freunde. Das Ergebnis fiel jedoch nicht so aus, wie er es sich vorgestellt hatte.

Von solchen Geschichten hat Frank Lehmann einige auf Lager. Wenn der ehemalige Börsenexperte der ARD mal wieder einen Vortrag hält über das Auf und Ab auf den Aktienmärkten, und wie man das als Anleger möglichst unbeschadet übersteht, dann berichten die Zuhörer auch von ihren Erfahrungen. "Und die meisten davon haben sie Anfang 2000 gesammelt", erzählt Lehmann. So wie der Mann aus Ostfriesland - einer von vielen, die vor sieben Jahren dem Lockruf der Börse folgten.

Deutschland im Frühjahr 2000: Immer mehr Deutsche, die ihr Geld jahrzehntelang in Bausparverträgen, auf Sparbüchern oder in Bundesschatzbriefen anlegten, interessieren sich für "Puts" und "Calls", für die Infineon-Aktie und die Marktkapitalisierung der Deutschen Telekom.

Die halbe Republik, so scheint es, hat das Börsenfieber erfasst. Und alle blicken auf den Dax, die Fieberkurve des deutschen Aktienmarkts. Auch die, die bis vor kurzem ein possierliches Nagetier dahinter vermuteten und nicht ahnten, dass das Kürzel für den Deutschen Aktienindex steht.

Der nimmt zur Jahrtausendwende Fahrt auf - getrieben durch die Interneteuphorie, eine gigantische Übernahmewelle und den Börsenwahn der Bundesbürger. Der Dax steigt und steigt - genauso wie der Puls der Anleger. Nach 4 000 Punkten folgt schnell die 5 000er-Marke. Dann 6 000, 7 000, 8 000 und schließlich 8 136,16 Punkte. Am 7. März 2000 ist das bisherige Allzeithoch erreicht - ein Rekord in der noch jungen Geschichte des Dax.

Nicht mal zwölf Jahre ist es her, dass das Konstrukt geschaffen wurde - kein Alter natürlich im Vergleich zum Dow Jones Industrial Index an der New Yorker Wall Street, der 1896 eingeführt wurde. Der Dow Jones ist das älteste und bedeutendste Börsenbarometer und bis heute die Ikone für alle Börsianer.

Deutschland hat zunächst den Hardy-Index, benannt nach der ehemaligen Frankfurter Privatbank Hardy & Co. GmbH und seit 1959 gültig. Gut 20 Jahre später wird er eingestellt und durch den BZ-Index der "Börsen-Zeitung" ersetzt - eine Notlösung, die die Experten an der Frankfurter Börse nicht zufrieden stellt. Wollen sie doch endlich ein Börsenbarometer mit einem ähnlich einprägsamen Namen wie die Amerikaner, einem Namen, der nicht an ein Unternehmen geknüpft ist und mit dem jeder leben kann.

Das bekommen sie erst im Jahr 1988, als der Dax aus der Taufe gehoben wird. Zum 1. Januar wird er eingeführt, ab dem 1. Juli täglich berechnet. Er startet mit 1 163,52 Punkten.

Frank Mella, damals Redakteur bei der "Börsen-Zeitung", hat den Dax erfunden und dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen. Mella, der heute in der Nähe von Bonn seinen Ruhestand genießt, war bereits für den weitgehend unbedeutenden BZ-Index verantwortlich. Er modelt diesen später zum Dax um und läuft damit dem damaligen Platzhirsch, dem FAZ-Index der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", den Rang ab. Denn während dieser zwar als solide Konstruktion zur Abbildung des Börsengeschehens gilt, hat er doch ein Manko: Er ist träge, er bewegt sich kaum.

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