60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
DDR-Chip: „Mit den Krümeln vom Kuchen“

Im September 1988 präsentiert Carl Zeiss Jena Erich Honecker einen 1-Megabit-Chip. Besonders in der Mikroelektronik setzte die DDR-Führung alles daran, nicht völlig den Anschluss zu verlieren. Doch der ganze Stolz der DDR-Industrie wird zum Auslaufmodell - wie das ganze Land.

DRESDEN. Acht Männer und eine Frau sitzen mit Michael Raab um den großen ovalen Tisch. Bisher lief alles glatt: Die hohen Herren hatten ihre Reden gehalten, die große Leistung gelobt und die Zukunft in leuchtenden Farben ausgemalt. Das Mittagessen naht.

Da stellt der oberste Herr plötzlich Fragen - reihum, jeder kommt dran. "Drei Leute waren vor mir, ich hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken", erinnert sich Raab.

Was ihm spontan in den Sinn kommt, das sind Zweifel, und die äußert er: Ja, der heute vorgestellte Prototyp sei ein schöner Erfolg; aber dass sie ihn auch bald wirtschaftlich und in der notwendigen Stückzahl - einige Millionen im Jahr - herstellen könnten, nein, das glaube er nicht.

Michael Raab muss es wissen. Für die Produktionstechnologie ist er verantwortlich. "Große Anstrengungen" müssten unternommen werden, "umfangreiche Investitionen" seien "notwendig" - nur verklausuliert dürfen die Bürger der DDR tags darauf in ihrer Zeitung die Bedenken über ein Prestigeprojekt der Mikroelektronik lesen, die Michael Raab dem ersten Mann im Staate ins Gesicht gesagt hat: Erich Honecker.

35 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten: So viel konnte der Mikrochip speichern, den Raab und seine Kollegen vom Kombinat VEB Carl Zeiss Jena in einem Sitzungssaal im Staatsratsgebäude am Marx-Engels-Platz 1, der heute wieder Schlossplatz heißt, Honecker an jenem 12. September 1988 in Ost-Berlin präsentierten. Ein Megabit gespeicherte Daten sollten beweisen, dass die DDR im Wettbewerb mit dem "Klassenfeind" im Westen mithalten kann.

Ein paar hundert dieser Schaltkreise hatte die Zeiss-Tochter "Forschungszentrum für Mikroelektronik" in Dresden, kurz ZMD, hergestellt. Zusammen mit dem 32-Bit-Prozessor, an dem im Kombinat Mikroelektronik "Karl Marx" in Erfurt gewerkelt wurde, sollte der Speicher der DDR-Industrie wieder Schwung geben. Seit den 70er-Jahren kranken der Maschinenbau und die feinmechanisch-optische Industrie der DDR hauptsächlich daran, dass viele elektronische Komponenten hoffnungslos veraltet sind.

1988 liegt die DDR-Industrie um Jahre zurück. Den 1-Megabit-Speicherchip produziert Marktführer Toshiba schon seit zwei Jahren in Massen, der 4-Megabit-Chip ist in Arbeit. Und bei den Prozessoren, dem Herzen eines Computers, nimmt Intel die 64 Bit in Angriff.

Der Zustand ist ein Beweis für das Scheitern der DDR-Wirtschaftsordnung. Denn gerade in der Mikroelektronik setzte die DDR-Führung alles daran, nicht völlig den Anschluss zu verlieren. Längst ist Walter Ulbrichts Motto vom "Überholen, ohne einzuholen" Illusion. "Dranbleiben" lautet die Devise - koste es, was es wolle.

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