60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
E-Mail: „Dann machte es 'Bing'“

Am 2. August 1984 erlebt ein kleiner amberfarbener PC an der Universität Karlsruhe eine große Premiere: Er empfängt Deutschlands erste E-Mail. In der Bundesrepublik bricht eine neue Ära an.

KARLSRUHE. Die Revolution beginnt mit warmen Worten. "Michael, this is your official welcome to CSNET. We are glad to have you aboard." In Sekundenschnelle bahnen sich die Zeilen von Laura Breeden ihren Weg auf die Oberfläche des Bildschirms. Um 12.35 Uhr US-Zeit hat sie, die Wissenschaftlerin an der Universität Wisconsin, ihren Willkommensgruß in die Tasten gehauen und abgeschickt. Nun meldet der kleine amberfarbene Rechner in der Universität Karlsruhe Vollzug. "Eigentlich war es nicht anders als heutzutage", sagt Michael Rotert, ohne groß zu überlegen. "Es machte ,Bing?, und dann erschien ,You have a new mail? auf dem Bildschirm."

Das ist aber auch die einzige Gemeinsamkeit mit der Welt von heute. Michael Roterts Bildschirm in Karlsruhe, gerade mal 13 Zoll groß, kann nur Texte darstellen, keine Grafiken. Umlaute akzeptiert er nicht. Und eine Maus, um den elektronischen Brief zu öffnen, gibt es auch noch nicht. Rotert muss erst ein paar Kommandos in Ascii-Sprache eintippen, bis er sie lesen kann: die erste E-Mail, die Deutschland erreicht.

Damals, das ist der 2. August 1984. Gemeinsam mit seinem Chef, dem Internetpionier und Universitätsprofessor Werner Zorn, hat der 34-jährige Ingenieur Rotert gebastelt, allerlei administrative Hürden genommen und die Konkurrenten im Land aus dem Feld geschlagen. Nun ist es Zeit, dass sie ihr Baby begrüßen. Doch nicht einmal eine Flasche Sekt wird geköpft. "Eigentlich", erinnert sich Zorn, "haben wir gleich weitergearbeitet."

Wie bahnbrechend ihre Arbeit sein würde, dass können er und sein Team damals allerdings auch noch nicht ermessen. Am 2. August 1984 wurde nicht nur eine neue Form der Datenübertragung eingeführt. Die E-Mail revolutionierte die menschliche Kommunikation, und sie brachte sogar eine neue Krankheit nach Deutschland: den "Techno-Stress".

Noch immer sind die Väter des Karlsruher E-Mail-Wunders begeisterte Erzähler. Und die virtuelle Welt ist ihre geblieben. Michael Rotert ist mittlerweile Vorsitzender des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft (Eco). Werner Zorn, 64, bildet im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam die neue Technikelite aus. Die trägt Zopf und Turnschuhe.

Werner Zorn ähnelt äußerlich ein wenig Joschka Fischer: untersetzt, kräftig und ausgestattet mit Knopfaugen, die zu verschwinden drohen, wenn er das Gesicht in Falten wirft. Das bleibt glatt, solange er mit Fachbegriffen wie "OSI", "Backbones", "TCP", oder "Gateway" um sich werfen kann. Nur mit dem neuen Kopierer kommt er nicht so zurecht. Gefurchte Stirn: "Warum druckt das Ding jetzt nicht?"

Zorn, der Wissenschaftler: Kann er sich eigentlich erinnern, was damals sonst noch so passierte, 1984, in der realen Welt? ,,Nein. Ach doch, Aids", rätselt er. Und dann ist er schon wieder bei sich. "China öffnete sich", sagt Zorn - und meint damit natürlich die technische Entwicklung in dem kommunistischen Land, an der er seinen Anteil reklamiert.

Auch sein Ex-Mitarbeiter Michael Rotert muss passen. Selbst sein papierner Kalender von damals, den er bis heute aufgehoben hat, meldet nur Privates. Im April: "Elternsprechtag", im August: "Urlaub." Dabei war das Jahr 1984 voll von denkwürdigen Terminen. Es gehörte zu einer Zeit, die politisch vor allem von Stillstand und Krisen geprägt war - aber technisch gesehen auch von bedeutenden Innovationen.

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