60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Erhard: Der qualmende Engel

Im Oktober 1963 wird Ludwigs Erhard Bundeskanzler. In diesem Amt scheitert er. Weitaus erfolgreicher war er zuvor - als einer der Begründer der sozialen Marktwirtschaft.

HB BONN. Dies ist auch eine persönliche Geschichte. 40 Mark, volle Schaufenster, ein Name: Ludwig Erhard. Vieles ist Legende, aber das, was am 20. Juni 1948 geschah, gehört auch zu den Gründungsmythen meiner Republik. Im Dutzend haben wir erzählt bekommen, wie uns der dicke Mann mit der Zigarre die D-Mark brachte und die Selbstachtung, und trotzdem haben wir immer wieder gerne zugehört.

Papperlapapp: Die D-Mark brachten die Amerikaner, mit denen sich Erhard noch am Tag der Währungsreform in die Haare geriet. Es dauerte Monate, bis die Schaufenster wirklich voll waren, bis dahin gab es sogar einen richtigen Generalstreik. Außerdem war Ludwig Erhard 1948 noch gar nicht so dick. Und richtig stolz waren wir erst 1954, als Deutschland Fußball-Weltmeister wurde.

Das Bild, das wir uns schufen, hatte zwei Gesichter: Ludwig Erhard und Konrad Adenauer, der gute, dicke Mann und der schlaue Fuchs - die Gründerväter des neuen, besseren Deutschland.

Am 4. Februar 1957, in der fünften Kalenderwoche vor 49 Jahren, feiert Ludwig Erhard seinen 60. Geburtstag. Am selben Tag erscheint auch das Buch, dessen Titel noch heute jedes Parteiprogramm schmücken würde: "Wohlstand für alle". Es wird ein Bestseller. In wenigen Monaten verkauft der Düsseldorfer Econ-Verlag über 40 000 Stück.

Das Geburtstagsfoto zeigt einen Erhard mit Buch, der ausschaut wie ein reiferer Engel aus dem Münchener Barock-Juwel Asam-Kirche - plus Zigarre versteht sich. Doch die Inszenierung trägt schon den Hauch des Tragischen in sich, das später so dominant werden sollte im Leben des Politikers Erhard. Die Gestalt des empfindlichen, zaudernden Wissenschaftlers, der eher durch Zufall in die große Politik geraten ist, wird schon überfrachtet vom Mythos des großen Gründervaters. Und Erhard, nicht bar von Eitelkeit, strickt auch noch mit am eigenen Mythos. Über Erhard schreiben bedeutet stets auch Entmythologisierung betreiben.

"Wohlstand für alle" ist ein Buch, das man nicht unbedingt lesen muss. Schon der Titel ist geklaut - ausgerechnet bei einem russischen Anarchisten namens Peter Kropotkin. Das Buch besteht aus einer Sammlung von Reden und Rundfunkansprachen, die der Handelsblatt-Journalist Wolfram Langer für Erhard zusammenstellte. "Das war vor allem ein Stück für den Wahlkampf", sagt Horst Friedrich Wünsche, Geschäftsführer der Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn.

Als Erhard die Huldigungen zum Geburtstag empfängt - Kanzler Adenauer bescheinigt ihm "grandiose Erfolge", Erhard habe "der Freiheit eine Gasse geschlagen" -, da hat er seine wohl größte politische Niederlage gerade erst hinter sich. Am 21. Januar 1957 hat der Bundestag das Rentenreformgesetz verabschiedet, gegen den Widerstand des Wirtschaftsministers. Erhard sieht im Automatismus der Rentenangleichung an die Preissteigerung den Anfang vom Ende dessen, was für ihn "soziale Marktwirschaft" bedeutet. Wohlstand für alle werde nicht durch Umverteilung erreicht, sondern durch Wachstum, das wiederum der Freiheit wirtschaftlich handelnder Individuen erwachse.

Adenauer jedoch hat die Bundestagswahl 1957 im Blick und peitscht das Gesetz durch. Auf der Strecke bleibt auch eine Freundschaft, deren Inszenierung wesentlich zum Erfolg der CDU beitrug. Schon im Oktober 1956 beklagt Adenauer in einem Brief an Erhard, der Wirtschaftsminister habe durch seine Kritik am Rentengesetz der Regierung geschadet. Erhard knickt ein und muss in einer Pressekonferenz Abbitte leisten.

Seinem Mythos aber schadet das schon nicht mehr. Adenauer zieht mit Erhard in den Wahlkampf, die boomende Wirtschaft und die Symbolfigur des Wirtschaftsministers bescheren der CDU die absolute Mehrheit - das gab es nie mehr.

Das Verhältnis der beiden Gründerväter aber ist zerrüttet - und es wird nie wieder heilen.

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