60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Euro – Diktat der Deutschen

Im Dezember 1991 beschließt die EU die gemeinsame Währung und damit das Ende der D-Mark. Zehn Jahre später haben die Deutschen ihre ersten Euros im Geldbeutel. Es ist das krönende Finale eines Polit-Theaters um ökonomische Macht und nationale Eitelkeiten.

BRÜSSEL. Die Boulevard-Presse bringt die Stimmung der Deutschen auf den Punkt: "Unser schönes Geld", jammert die Bild-Zeitung. Der Kölner Express erscheint mit der Warnung: "Kohl will die D-Mark abschaffen". Selbst der seriöse Rheinische Merkur klagt, dass ausgerechnet die stabilste europäische Währung "kaputt gemacht" werde.

Am 10. Dezember 1991 wird im holländischen Maastricht zur Gewissheit, was sich seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung abzeichnete: Europa soll eine gemeinsame Währung bekommen und Deutschland Abschied nehmen von der D-Mark, dem Symbol für sein einzigartiges Wirtschaftswunder, dem Inbegriff deutscher Tugenden wie Fleiß und Sparsamkeit. Ein ganzes Volk leidet.

Aber es gibt kein Zurück: In Maastricht beschließen die Staats- und Regierungschefs der damals zwölf EG-Länder mit Bundeskanzler Helmut Kohl als treibender Kraft den Zeitplan für das Ende der nationalen Währungen. Es ist ein beispielloses Wagnis. Was werden die Menschen statt der D-Mark künftig im Geldbeutel haben? Die "European Currenc Unit", kurz Ecu? Oder den Gulden, die Krone, den Euro-Franken? Die Antwort gibt es erst vier Jahre später. Diesmal in Madrid.

Schneematsch bedeckt die Straßen der spanischen Metropole. Es ist der 15. Dezember 1995. Ein eisiger Wind vermiest den Madrilenen ihren Weihnachtseinkauf. Nur beiläufig nimmt die Stadt Notiz von den 15 Staats- und Regierungschefs, die fernab vom Zentrum in der betonierten Ödnis des Kongressareals "Parque Ferial Juan Carlos I" zusammenkommen.

Ihr Treffen wird Geschichte schreiben. Für 300 Millionen Menschen von Lappland bis Kreta bekommt Geld einen neuen, einen gemeinsamen Namen.

Seit Monaten schon streitet die Europäische Union, wie die geplante Einheitswährung heißen soll. Die öffentliche Wirkung ist verheerend. Es muss endlich eine Entscheidung fallen. Frankreich will mit aller Macht den Namen "Ecu" durchsetzen. Deutschland ist mit aller Macht dagegen.

Es ist ein erbittertes Ringen um den letzten Rest nationaler Identität in einem Projekt, das die Länder der EU wie nie zuvor zur Preisgabe ihrer Souveränität zwingen wird. Die Menschen misstrauen diesem Großversuch mit ihrem Geld, besonders die Deutschen. Drei von vier Bundesbürgern lehnen 1995 die Währungsunion ab. Kohl steht massiv unter Druck. "Mir war klar, dass in dieser Lage nur ein neutraler Name eine Chance hat", erzählt der damalige Finanzminister Theo Waigel.

Wenige Wochen vor dem Madrider Gipfel glaubt Waigel, die Lösung gefunden zu haben. "Wie wäre es mit Euro?" fragt er Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer. Dessen Skepsis gegenüber der Währungsunion ist bekannt. Auf ihm ruht die Hoffnung jener, die das Ende der D-Mark verhindern wollen. Waigel weiß, wie wichtig es deshalb ist, Deutschlands obersten Währungshüter einzubinden.

Es gelingt ihm unerwartet schnell. "Euro - den gleichen Gedanken hatte ich auch", antwortet Tietmeyer sofort. Auch Kanzler Helmut Kohl ist mit dem Vorschlag einverstanden. Aber er warnt: "Es wird schwierig werden." Er sollte Recht behalten.

Seite 1:

Euro – Diktat der Deutschen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%