60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Expo – Zu hoch geschraubt

Als Hannover im Juni 1992 die Weichen für die Expo 2000 stellt, sind die Erwartungen an die erste Weltausstellung in Deutschland groß - zu groß, wie sich bald herausstellen wird.

HANNOVER. Um Holland ist es schlecht bestellt. Die verdorrten Bäume im Obergeschoss geben ein klägliches Bild ab. Zwischen den Stockwerken wehen zerfetzte Plastikplanen im Wind. Oben am Gebäude prangt in schwarzen Ziffern die Zahl 2 800 000. So viele Menschen haben den niederländischen Pavillon besucht. Der höchste Pavillon der Expo in Hannover ist im Sommer 2000 ein Publikumsmagnet. Mit gestapelten Landschaften aus Wasser, Wald, Dünen und Blumenfeldern, die sich vierzig Meter hoch auftürmten, wartete er auf. Doch heute, sieben Jahre später, steht das einstige Prachtstück leer.

1992 werden die Weichen für das Unternehmen Expo gestellt. Das Architektenbüro Arnaboldi/Carvadini aus Locarno gewinnt den Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Expo-Geländes, und im Juni stimmen die Bürger Hannovers in einem Referendum den Expo-Plänen zu. Acht Jahre später, am 1. Juni 2000, beginnt die "Expo 2000". Ihr Motto: "Mensch - Natur - Technik. Eine neue Welt entsteht." Visionen für die Zukunft will die Expo vorstellen, Modelle für das Gleichgewicht zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt, Möglichkeiten für das Zusammenleben von mehr als sechs Milliarden Menschen - Lösungen, um dem Kollaps des Planeten zu entgehen.

Doch es ist eher die Expo, die kollabiert: Wirtschaftlich wird sie zu einem Fiasko. Die Idee, eine Weltausstellung über die Eintrittsgelder zu finanzieren, schlägt fehl. Es kommen nicht halb so viele Besucher wie erwartet. Die Geschichte der Expo in Hannover ist auch eine von überzogenen Erwartungen und zu großem Ehrgeiz.

Herbert Schmalstieg sitzt in einem spärlich eingerichteten Büro in der Nähe des Hannoveraner Rathauses und erinnert sich. 34 Jahre lang war er Bürgermeister der niedersächsischen Hauptstadt, von 1972 bis 2006. Heute sitzt der Mann mit der Halbglatze und der runden Brille lächelnd da und erzählt. Die Idee zur ersten und bislang einzigen Weltausstellung in Deutschland entsteht 1987. Vertreter von Land, Stadt und Messe überlegen, wie der Messeplatz Hannover neu positioniert werden kann. Mit dabei ist auch Birgit Breuel, Niedersachsens Finanzministerin. Hannover und Niedersachsen wollen etwas Großes, Außergewöhnliches - eine Expo.

Die Bundesregierung macht den Niedersachsen jedoch schnell klar: Außer der Infrastruktur darf die Expo den Staat nichts kosten. Kein Problem, antwortet zumindest Birgit Breuel, die später zur Generalkommissarin der Weltausstellung ernannt wird. Sie will das gesamte Projekt durch Sponsoren finanzieren, was sie in einem Brief an die Bundesregierung auch unterstreicht. Der erste große Fehler, denn eine privat finanzierte Expo erweist sich als unmögliches Unterfangen. Am Ende bleibt Hannover ein Verlust von 1,1 Milliarden Euro.

"Ich kritisiere Frau Breuel nicht dafür, dass sie diesen Brief geschrieben hat", sagt Schmalstieg heute. Doch es ist ihm anzumerken, dass er mit dieser Linie keineswegs einverstanden war. "Eine Weltausstellung kann man nie kostendeckend machen." Schon gar nicht könne sie über Eintrittspreise finanziert werden. Birgit Breuel muss im Nachhinein viel Kritik für ihre Fehlkalkulationen einstecken. Heute hat sie mit dem Thema Expo abgeschlossen und sich ins Privatleben zurückgezogen.

Der zweite große Fehler der Expo sind die überhöhten Erwartungen an die Besucherzahlen. Mit 40 Millionen kalkulieren die Organisatoren. Doch nur 18 Millionen Menschen besuchen die Expo in 153 Tagen; und ausländische Gäste sind kaum darunter. Die Tagestickets sind mit 69 DM sehr teuer. Später wird die Expo sogar ein wenig "verramscht": Es gibt Abendtickets für 15 DM.

Nicht die tatsächliche Besucherzahl ärgert Herbert Schmalstieg bis heute, sondern die kalkulierte. In den Bewerbungsunterlagen war noch von 14 Millionen Besuchern die Rede. Doch das Beratungsunternehmen Roland Berger hat nachgerechnet: Im Umkreis von 300 Kilometern leben 60 Millionen Menschen, also sei die Kalkulation mit 14 Millionen Besuchern doch zu niedrig. Und hatte nicht schon anno 1900 die Pariser Weltausstellung 50 Millionen Besucher angelockt? Auch nach Montreal kamen 1967 50 Millionen Menschen. Die erste Weltausstellung auf asiatischem Boden 1970 in Osaka bringt es sogar auf 64 Millionen Besucher. Also schraubt Hannover sein Ziel höher. Zu hoch.

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