60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Farbfernsehen – Hopsende Soße

Deutschland gegen Frankreich, Walter Bruch gegen Charles de Gaulle - Anfrang 1965 erreicht der Kampf der Farbfernsehsysteme seinen Höhepunkt. Zwei Jahre später ist klar: Deutschland hat sich durchgesetzt.

DÜSSELDORF. Seit Minuten hält der Techniker den Regler am Anschlag. Wann endlich wird der Vize-Kanzler seine Rede beenden? Seine Hand senken auf den handtellergroßen, roten Knopf, der auf Deutschlands Fernsehschirmen noch immer grau erscheint?

Endlich: Willy Brandts Daumen nähert sich dem Drücker. Der Techniker im Produktionsraum legt den Schalter um - eine halbe Sekunde zu früh. Das Fernsehbild wird schon farbig, als des Vize-Kanzlers Finger gerade mal das Plastik der Attrappe streicheln. Später wird die ARD erklären, der besonders empfindliche Knopf sei Schuld gewesen.

Der wirkliche Grund für den Frühstart ins Farbfernsehen würde sich auch nicht gut machen für die neue Technik, die mit viel Tamtam in den Markt gedrückt werden soll. 2,5 Millionen Mark hat allein der Übertragungswagen gekostet - für einen funktionierenden Startknopf reichte das Budget nicht mehr. Also musste ein bisschen getrickst werden.

Jener Morgen des 25. August 1967, 10.57 Uhr, steht damit für das große Gerangel um das Farbfernsehen - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Denn die Geschichte seiner Einführung ist voller politischer und wirtschaftlicher Intrigen und Tricksereien, wie es sie später bei der Einführung einer neuen Technologie wohl nie mehr gab.

Die Geschichte beginnt weit vor Brandts Knopfdruck. 1928 überträgt der schottische Erfinder John Logie Baird zum ersten Mal Bilder von bunten Tüchern, einem Polizeihelm und einem Mann, der die Zunge rausstreckt. Das Fernsehen ist geboren.

Doch die Sache mit der Colorierung ist knifflig: Das Bild muss in die Grundfarben Rot, Blau und Grün zerlegt und jede Farbe mit einem eigenen Signal gesendet werden, das die Helligkeit bestimmt. Der Empfänger macht daraus wieder ein Farbbild.

Das Problem: Die Signale müssen auch Schwarz-Weiß-Fernseher lesen können. Daran scheitert das System des US-Senders CBS, das 1951 nach wenigen Monaten eingestellt wird.

Zwei Jahre später bringen mehrere US-Konzerne NTSC heraus. Das hat schnell den Spitznamen "Never the same colour" weg. Denn die Farbe variiert ständig. Immer wieder müssen die Zuschauer aufspringen und von Hand nachregeln. "Slimming Machines", Abnehm-Maschinen, heißen Farbfernseher deshalb auch bald.

Zu dieser Zeit reist ein Ingenieur des deutschen Telefunken-Konzerns nach Übersee, um die farbige TV-Neuigkeit zu studieren. Sein Name: Walter Bruch. Sein Lebenslauf: bunt.

Für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin entwickelte er eine zwei Meter lange Kamera für Live-Übertragungen. Später baute Walter Bruch für Wernher von Braun eine Fernsehüberwachung für die Tests der V2-Rakete in Peenemünde.

Ein wenig verschroben ist Walter Bruch. Ein Frickler, der sich schon während des Studiums der Elektrotechnik im sächsischen Mittweida mehr um seine Basteleien schert als um gute Noten. Deshalb wird er sich auch später nie von seiner Arbeit für die Nazis distanzieren: Bruch interessierte immer nur die Technik.

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