60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Gastarbeiter – Von Muskeln und Menschen

Im August 1964 kommt der einmillionste Gastarbeiter in Köln an. Deutschland ist ein Einwanderungsland - und aus "Konjunkturpuffern" in Boomzeiten werden Mitbürger. Doch die Geschichte der Zuwanderung ist auch die Geschichte einer gescheiterten Integration - und eines tiefen Missverständnisses.

KÖLN. Unten im Kellergeschoss K 1 schlummern die Erinnerungen. "Sehen Sie das Fahrrad? Damit ist der Arbeiter zwischen Wohnheim und Fabrik hin- und hergefahren." Aytac Eryilmaz strahlt. Und was steht da auf dem Stuhl? Er schiebt sich die Lesebrille auf die Nase: "Karaman". Wohnheiminventar, mit Kritzeleien der Anonymität entrissen. Dahinter: Koffer aus Leder und schwarz-grauer Pappe. Mit kaum mehr als ein paar Hosen, Hemden und Wäsche im Gepäck kamen sie damals an. Und mit ihrer Hoffnung. Sie - die Malocher aus der Fremde.

Auf 400 Quadratmetern im Keller und der 8. Etage eines Hochhauses im Kölner Süden lagert Eryilmaz Hunderte Alltagsgegenstände, Tausende Fotos und Dokumente. "So eine umfangreiche Sammlung über die Einwanderung seit den 50er-Jahren gibt es nirgendwo sonst in Deutschland", sagt Eryilmaz.

Seit 25 Jahren lebt er in Deutschland. Als politischer Flüchtling kam er, das Thema Migration hat ihn nie losgelassen. Deshalb hat er die Erinnerungsstücke gesammelt, er und seine Mitstreiter bei "Domit", dem "Dokumentationszentrum über die Migration in Deutschland". Irgendwann einmal soll ein Migrationsmuseum daraus werden. "Das", sagt Eryilmaz, "ist meine Vision."

Es ist der 10. September 1964, kurz nach 10.00 Uhr. Die Werkskapelle des Draht- und Kabelherstellers Felten & Guilleaume intoniert Bizets "Auf in den Kampf, Torero!" Honoratioren, Neugierige und Journalisten haben sich am Bahnhof Köln-Deutz versammelt. "Wir haben ihn!" ruft jemand. Und dann weiß Armando Rodrigues de Sá kaum mehr, wie ihm geschieht.

"Aus tief in den Höhlen liegenden dunklen Augen starr geradeaus blickend, schreitet er aufrecht wie ein Zinnsoldat auf die ihn erwartende Gruppe zu", beschreibt der "Kölner Stadt-Anzeiger" tags darauf die Ankunft des einmillionsten Gastarbeiters in Deutschland. Immer wieder lüpft der Portugiese den Hut. "Denn er ist höflich, kein reicher Mann, aber ein Vertreter iberischer Grandezza, der keinen Augenblick die Würde verliert - auch wenn um ihn Zirkusstimmung Wellen schlägt."

Arbeitgeberchef Manfred Dunkel schenkt dem neuen Gast ein Moped als Willkommensgruß. "Ohne diese Gastarbeiter", sagt Dunkel später, "wäre der ganze Aufschwung nach ?59 nicht möglich gewesen."

Armando Rodrigues de Sá also. Unrasiert, übernächtigt. Nach zwei Tagen Zugfahrt soeben aus Vale de Madeiros, 250 Kilometer südöstlich von Porto, am Rhein eingetroffen. Auf der Suche nach Arbeit. Auf der Suche nach Glück. Zu Gast in Deutschland - zu Gast bei Freunden?

"Dass man zu Ihrer Begrüßung auch 'Auf in den Kampf, Torero' gespielt hat, hat durchaus symbolischen Charakter. Jetzt geht es an die Arbeit", umreißt das "Handelsblatt" die Erwartungen der Gastgeber.

Zwar soll er es gut haben - so gut, "wie es ein Gast erwarten darf". Wie eine Warnung aber klingt der nächste Satz: "Vergessen Sie nur nicht, Deutsche denken etwas anders als Portugiesen, und Portugiesen empfinden manches anders als die Deutschen. Das kann man nicht ändern. Tusch! In diesem Sinne: 'Auf in den Kampf, Senhor Rodrigues!'"

Deutschlands Gastfreundschaft ist an Wertschöpfung geknüpft. Eingeladen ist nicht der Mensch, sondern die Muskelkraft.

"Der Belegschaftsschwund auf den Schachtanlagen hat in den letzten Wochen ein Ausmaß angenommen, das eine auch einigermaßen wirtschaftliche Betriebsführung nicht zulässt", beklagt die Zechenleitung der Concordia Bergbau-Aktien-Gesellschaft in Oberhausen bereits 1955. "Wir haben uns daher dazu entschlossen, den Versuch zu machen, gute italienische Arbeitskräfte anzuwerben." Auch in der Landwirtschaft fehlen Arbeitskräfte.

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