60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Herrhausen – Banker unter lauter Bankiers

Im November 1989 wird Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, von der RAF ermordet. Kaum ein deutscher Manager wurde so bewundert - und war gleichzeitig im eigenen Haus so umstritten.

FRANKFURT. Der 30. November 1989 ist ein klarer, kalter Tag. Um 8.30 Uhr holt Fahrer Jakob Nix seinen Chef in Bad Homburg ab. Mit zwei Begleitfahrzeugen macht sich der Mercedes 500 auf den Weg nach Frankfurt. Sieben Minuten später löst die gepanzerte Limousine eine als Baustelle getarnte Lichtschranke aus. Die Explosion im Seedammweg schleudert den Mercedes meterweit durch die Luft.

Die Bombe der "Roten Armee Fraktion" tötet Alfred Herrhausen, den Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Heute erinnern am Seedammweg zwei Basalt-Steelen an den Mord. In eine ist ein Satz von Ingeborg Bachmann eingraviert: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar."

Besser lässt sich das Leben Herrhausens kaum zusammenfassen, eines der Leben. "Man muss Macht auch wollen" war das zweite Motto, das sein Leben prägte. Am 12. Mai 1988, in der 19. Kalenderwoche vor 18 Jahren, übernahm Herrhausen als alleiniger Vorstandssprecher die Führung der Deutschen Bank. Noch heute wird er in Deutschlands größtem Geldhaus als Übervater verehrt.

Der kühle Denker Herrhausen machte eine Karriere, wie sie im Nachkriegsdeutschland nur wenigen beschieden war. Und er versah seine Bank mit einer modernen Vision, die ihr heutiger Chef Josef Ackermann fortschreibt und umsetzt. Er war der Banker unter lauter Bankiers. "Herrhausen war seiner Zeit um zehn bis 15 Jahre voraus", sagt Matthias Mosler, sein ehemaliger Assistent.

Aber die Wirkung Herrhausens strahlte tief in Politik und Gesellschaft hinein: der Banker, der die Macht der Banken kritisierte, der Kapitalist, der für die Entschuldung der Dritten Welt kämpfte. Alfred Herrhausen pflegte auch das Image des Querdenkers. Auf Hauptversammlungen wurde er wie ein Star umjubelt und musste Autogramme auf Geschäftsberichte schreiben.

Um die Karriere des Alfred Herrhausen zusammenzufassen, reichen zwei Begriffe: Schnelligkeit und Disziplin. Am 30. Januar 1930 wird er in Essen geboren. Der Großvater ist Metzgermeister, der Vater hat es per Abendstudium zum Vermessungsingenieur gebracht. Mit zwölf Jahren kommt Herrhausen an die Reichsschule in Feldafing, ein Eliteinternat der Nazis für den "Führernachwuchs".

In seinem preisgekrönten Film "Black Box BRD", der Herrhausens Leben mit dem von RAF-Terrorist Wolfgang Grams vergleicht, zeichnet Andreas Veiel das Bild eines introvertierten, ehrgeizigen Jungen, für den Selbstbeherrschung das Wichtigste ist. Herrhausen ist 15 Jahre alt, als der Krieg zu Ende geht. Nach dem Abitur will Alfred eigentlich Arzt oder Lehrer werden, folgt aber dem Wunsch der Eltern und studiert Betriebswirtschaftslehre.

In seiner Doktorarbeit finden sich jene Werte, die seine Karriere bestimmen sollten: die Gedanken des Philosophen Karl Popper, die Modelle des Ökonomen Friedrich von Hayek und die Idee vom "richtigen Denken". Das heißt für Herrhausen, durch präzise Analyse die wirklichen Zusammenhänge hinter den Dingen zu erkennen und diese Erkenntnisse auch durchzusetzen.

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