60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Herstatt – Raumstation Orion brennt

Riskante Devisengeschäfte bringen Iwan David Herstatt 1987 eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren ein. Lange beschäftigt das Thema die Gerichte - auch noch mehr als dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch der Herstatt-Bank.

KÖLN. Es ist ein schwülwarmer Sommertag in Köln, und die Menschen haben es eilig: schnell einkaufen, nach Hause oder in die Kneipe. Am Nachmittag werden die Straßen leer sein, werden alle fernsehen. Die Fußball-WM gastiert in Deutschland, und an jenem Tag, dem 26. Juni, soll die heimische Mannschaft ihre Landsleute weiter aus der Agonie herauskicken, soll hohe Ölpreise und steigende Arbeitslosigkeit vergessen machen. Wenigstens für ein paar Tage.

Auch jener groß gewachsene Herr im Anzug, der extra sein Mittagessen im Kölner "Börsenkeller" vorverlegt hat, um zeitig zum Anpfiff wieder in seinem fernseherbestückten Büro zu sein, erhofft sich 90 Minuten Zerstreuung. Nur wenige wissen um seine Sorgen. Bedrohlich sind sie, doch noch beim Anstoß glaubt er sie gelöst.

Hier ist die Rede vom Juni 1974. Deutschland spielt gegen Jugoslawien, und der Herr im Anzug heißt Iwan David Herstatt. Noch am Vormittag hat er die Fassade der neuen Dependance seiner Bank am Bonner Kaiserplatz besichtigt. Sicher, Gerüchte gibt es, dass irgendwas nicht stimmt in der Kölner Zentrale im Schatten des Doms. Aber "wenn Herstatt persönlich sich um Dinge wie das Aussehen einer Filiale kümmert, dann macht man sich keine Sorgen", erinnert sich Ingo Pelzer, damals Innendienstleiter Revision der Bonner Filiale.

Schon das 1:0 durch Paul Breitner in der 39. Minute sieht Herstatt nicht mehr. Günter Dürre ruft ihn an, der Chef des Aufsichtsamtes für das Kreditwesen. Seine Botschaft: Dem Bankhaus Herstatt werde die Lizenz entzogen. Als ein Laufband während der Fußball-TV-Übertragung das Aus für Herstatt verkündet, geht ein Schock durch die Republik. Bis zu diesem Moment gilt das Kölner Haus als honorige Vorzeigebank, seriös, aber auch fortschrittlich.

Die Geschichte des steilen Aufstiegs und tiefen Falls des Bankhauses I.D. Herstatt beginnt 1955, als Iwan David Herstatt mit seinem Jugendfreund, dem Versicherungserben Hans Gerling, die kleine Kölner Privatbank Hocker übernimmt. Fünf Millionen Mark Bilanzsumme hat sie und ist vor allem dafür bekannt, die Inhalte der Klingelbeutel Kölner Kirchen zu verwahren.

Herstatt sieht seine Bestimmung erfüllt: Er entstammt einer Bankiersfamilie, die nur mangels Nachfolger ihr Institut 1888 verkauft hatte. Er selbst machte eine Lehre bei der Deutschen Bank und baute nach dem Krieg die Kölner Filiale der BFG auf.

Die winzige Bank I.D. Herstatt wächst rasant: Nur ein Jahr nach der Übernahme weist ihre Bilanz 72 Millionen Mark aus, 1973 sind es zwei Milliarden Mark. Das freut Hans Gerling: Ihm gehören über 80 Prozent der Bank. Insbesondere zwei Gründe hat das Wachstum: den Patriarchen Herstatt und die Devisenabteilung.

Als Vatertyp beschreiben ehemalige Mitarbeiter den 1,96 Meter langen Herstatt. Und als geborenen Verkäufer. Er ist bissig, er kann klüngeln. Seine Konditionen sind immer einen Tick besser als die der Konkurrenz. In über 80 Vereinen ist er aktiv, "oft als Schatzmeister - und sorgte so dafür, dass die Clubs ihr Geld bei seiner Bank anlegten", erinnert sich Herstatts früherer Anwalt Helge Millinger. Im Karneval ist der Bankier omnipräsent: Mehrere Sitzungen an einem Abend sind kein Problem.

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