60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Hoechst – Die Rotfabrik

Im Juli 1999 beschließen die Aktionäre von Hoechst die Fusion mit dem französischen Konkurrenten Rhône-Poulenc. Was aussieht wie der Tod der Frankfurter Traditionsfirma, ist der Beginn einer Wiedergeburt.

FRANKFURT. Blitzlichtschauer, Gedränge und Geschubse: Wie bei einer Oscar-Verleihung geht es zu, als Jürgen Dormann den Saal betritt. Er weiß: Noch 40 Minuten reden, ein paar Stunden Fragen beantworten, und dann ist es ist geschafft. Seine "große Vision", die der Vorstandschef der Hoechst AG noch ein letztes Mal erläutern will, wird endlich wahr.

Für die 3 000 Kleinaktionäre dagegen, die an diesem Julitag anno 1999 in die Jahrhunderthalle zu Frankfurt gekommen sind, ist Dormanns Vision ein Horrorfilm der nicht oscarträchtigen Kategorie. Die Hauptversammlung ist die letzte in der 136-jährigen Geschichte von Hoechst. Draußen verhüllen Wolken den Sommerhimmel über der Mainmetropole.

Noch einmal versucht Dormann die Aktionäre - viele sind zugleich auch Hoechst-Mitarbeiter - zu überzeugen, warum die Fusion mit dem französischen Konkurrenten Rhône-Poulenc richtig ist. Und warum der Verkauf der Industriechemie richtig ist und die Verlegung des Konzernsitzes nach Straßburg. Und warum der neue Firmenname "Aventis" richtig ist. "Wenn wir etwas Neues schaffen wollen", sagt der letzte Hoechst-Chef, "dann müssen wir auch bereit sein, Hergebrachtes aufzugeben."

15 Stunden muss Dormann die Debatte mit den Aktionären ertragen, dann wird abgestimmt. Das Ergebnis ist das erwartete: 99 Prozent für die Fusion. Auch der Großaktionär Kuwait, dem ein Viertel von Hoechst gehört, stimmt zu. Die zweite Fusion unter deutscher Beteiligung nach der von Daimler-Benz und Chrysler im Jahr zuvor ist beschlossen.

Am 16. Juli 1999, in der 29. Kalenderwoche vor sieben Jahren, wird Hoechst beerdigt. Eines der größten Unternehmen der deutschen Wirtschaftsgeschichte ist nicht mehr.

Nostalgie, das macht Jürgen Dormann den seinen schon 1994 klar, als er den Vorstandsvorsitz übernimmt, kann sich Hoechst nicht mehr leisten. Die Zeiten sind nicht mehr so wie Ende des 19. Jahrhunderts, als Hoechst mit dem Grippemittel "Antipyrin" den Weltmarkt erobert, oder wie in den Wirtschaftswunderjahren, als die Firma trotz Nachkriegswirren ein zweites Mal zu einem der größten Chemiekonzerne der Welt wächst.

Nostalgie? "Wenn die Leute ,Hoechst? gehört haben, dachten sie ohnehin nur an Chemiestörfälle", entfährt es dem Vorstandsvorsitzenden.

Jürgen Dormann, der 1963 als Trainee bei Hoechst einstieg, ist der erste Nichtchemiker, der den Konzern führt. Es ist nur der kleinste Traditionsbruch, den der Volkswirt seiner Hoechst verordnen wird. "Entfrosten und entrosten" will Dormann den trägen Chemiekoloss. Die Fusion mit Rhône-Poulenc ist die Krönung des bis dahin wohl radikalsten Umbaus eines Konzerns in der deutschen Industriegeschichte.

Von den Textilfarbstoffen und der Kosmetik über Spezialchemie und Industriegase bis hin zur Basischemietochter Celanese: Mehr als drei Dutzend Sparten und Tochterfirmen gliedert Dormann aus, verkauft er oder bringt er in neue Gemeinschaftsunternehmen ein. Einen Umsatz von 30 Milliarden D-Mark stößt Dormann ab. Das frische Geld steckt er in milliardenschwere Zukäufe für das Pharmageschäft. Für den US-Konzern Marion Merrell Dow (MMD) und die restlichen Anteile am französischen Pharmahersteller Roussel Uclaf zahlt er fast 16 Milliarden Euro. Es sind die größten Deals der Firmengeschichte - und doch nur Etüden für seinen ganz großen Coup.

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