60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Kernkraft: Zerlegt und klein geschreddert

Im November 1960 nimmt das erste deutsche Kernkraftwerk seinen Betrieb auf. Gut zwei Jahre dauert der Bau des "Versuchsatomkraftwerks Kahl", dessen Leistung sich aus heutiger Sicht mickrig ausnimmt. Die Demontage des Meilers zieht sich inzwischen fast 20 Jahre hin. Es war Experiment von der ersten bis zur letzten Minute.

KAHL. Mächtige Stahlplatten, leicht gewölbt und etwas angerostet, türmen sich zu Dutzenden auf unordentlichen Stapeln. Daneben liegen 3 500 Tonnen klein geschredderter Beton auf mehreren Haufen. Der größte ist zwei Meter hoch. So sieht es aus, das Ende eines Reaktors, der Anfang der 60er-Jahre deutsche Industriegeschichte schrieb. Dort, wo das Herzstück des Versuchsatomkraftwerks Kahl (VAK) noch vor wenigen Jahren stand, klafft jetzt ein 24 Meter tiefes und 14 Meter breites Loch, in dem sich Regenwasser sammelt.

Der Abriss des VAK läuft auf Hochtouren. In einem Jahr wird wieder eine grüne Wiese sein - dort am Main zwischen Hanau und Aschaffenburg, wo der erste Atomstrom ins deutsche Netz eingespeist wurde. Nur noch die alte Turbine und zwei Infotafeln erinnern dann an die einst gefeierte Anlage.

Dazwischen liegen über vier Jahrzehnte bewegter deutscher Atomgeschichte - eine unbändige Euphorie zu Beginn, eine langsam wachsende Skepsis und schließlich der radikale Ausstiegsbeschluss. Der historische Wert des Reaktors ist unbestritten. "Hier wurde Pionierarbeit geleistet - sowohl beim Aufbau als auch beim Abriss", sagt Ludger Eickelpasch, der seit Jahren für die Abwicklung des Reaktors verantwortlich ist.

Am 13. November 1960 um 22.04 Uhr, nimmt Kahl laut handschriftlichem Eintrag im Reaktorbuch den Betrieb auf. Elf Personen sind im Leitstand anwesend, als im Druckbehälter die erste Kettenreaktion ausgelöst wird. Nach weiteren Probeläufen speist der Reaktor ein halbes Jahr später erstmals Strom ins Netz ein.

Der Einstieg Deutschlands ins Atomzeitalter verläuft atemberaubend schnell. 1955 fallen mit den Pariser Verträgen, die das Besatzungsstatut beenden und die Bundesrepublik in die Souveränität entlassen, die Restriktionen, die nach dem Krieg selbst die friedliche Nutzung der Kerntechnik untersagten. Noch im selben Jahr wird das "Bundesministerium für Atomfragen" gegründet - unter der Leitung von Franz Josef Strauß. Vier Jahre später steht das Bundesatomgesetz, das die wissenschaftliche und wirtschaftliche Anwendung der Kerntechnik regelt, und kurze Zeit danach nimmt bereits das Atomkraftwerk in Kahl seinen Betrieb auf. Die Bundesrepublik ist nach den USA, der UdSSR, Frankreich und Großbritannien das fünfte Land, das Atomstrom erzeugen kann.

Gerade einmal ein Jahrzehnt nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima kennt die Phantasie, was die Nutzung der Kernenergie angeht, kaum Grenzen. In zwei großen, von der Uno organisierten Konferenzen entwerfen Politiker und Wissenschaftler abenteuerliche Szenarien, wie mit der friedlich genutzten Kernkraft der wachsende Energiehunger der Welt befriedigt werden kann. Atomenergie soll kostengünstig Strom liefern, Flugzeuge und Lokomotiven antreiben und langfristig sogar mit Minireaktoren im Keller Mehrfamilienhäuser beheizen.

Der Autohersteller Ford präsentiert gar die Designstudie Nucleon: ein Auto mit einem kleinen Reaktor an Bord und einer sensationellen Reichweite von mehr als 8 000 Kilometern. Mit Kerntechnik wird nicht zuletzt auch Politik gemacht. Die USA bieten ihren Verbündeten als Gegenleistung für den Verzicht auf Atomwaffen die Lieferung kompletter Forschungsreaktoren zur friedlichen Kernenergienutzung an - sechs Kilogramm Uran sind im Paket mit eingeschlossen.

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