60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Lufthansa: Wundervogel mit Faktor zwei

2005 hebt der erste Airbus A380 vom Boden ab und liefert der Lufthansa einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Luftfahrtgeschäfts. Eine vergleichbare Revolution gab es nur 1960 - mit der ersten Boeing 707.

HAMBURG. Als gegen Mittag die Sirenen der Hamburger Luftwerft aufheulen, schläft Harald Claasen noch. Unruhig zwar, weil der Kopf des Lufthansa-Technikers ein historisches Ereignis nicht verpassen will - der Körper aber verlangt Ruhe nach der Nachtschicht. Abends berichten ihm die Kollegen von Tumulten auf dem Vorfeld des Flughafens Fuhlsbüttel: "Die Neugier, diesen Wundervogel von innen sehen zu können, übermannte die Masse, als sie hinter den Putzfrauen die Maschine regelrecht stürmte", schildert die Mitarbeiterzeitung "Lufthanseat" das Treiben nach der Landung des ersten Düsenjets in Deutschland.

Es ist genau 11.31 Uhr an jenem Märztag vor 46 Jahren, als das Wunderflugzeug in den blau-gelb-weißen Farben der Lufthansa unter Hamburgs Regenwolken auftaucht. An den Steuerhörnern der 25 Millionen Mark teuren Boeing 707 sitzen Chefpilot Rudolf Mayr und Flugkapitän Werner Utter.

An diesem Tag beginnt im deutschen Luftverkehr ein neues Zeitalter - "die erste Erfahrung mit einer neuen Welt", wie es der spätere Flugvorstand Utter beschreibt. Techniker Claasen erkennt die Tragweite des Ereignisses schon daran, dass Ingenieurskollegen plötzlich Krawatte zur grauen Technikerkombi tragen. Allerdings: Kaum eine offzielles Medium führt den 17. März 1960 als historischen Tag auf.

45 Jahre später ist vieles ganz anders. Als am 18. Januar 2005 der Airbus A 380 in Toulouse seine Premiere feiert - flippig "Roll-out" genannt -, berichtet das Fernsehen europaweit live. Und Bundeskanzler Gerhard Schröder, Staatspräsident Jaques Chirac und die beiden Premierminister Tony Blair und Jose Luis Zapatero sind zum Staunen und Gratulieren persönlich angereist.

Die Zukunft der zivilien Luftfahrt soll der europäische Riesenjet mit den vier Rolls-Royce-Triebwerken vom Typ "Trent 900" und den bis zu 850 Plätzen sein, den Airbus, die Tochter des deutsch-französisch-britisch-spanischenn EADS-Konzerns entwickelt hat. Die Lufthansa gehört zu den ersten Bestellern. Im November 2005 landet die A 380 zum ersten Mal in Hamburg.

Schneller, höher, weiter: Zwar schafft Sprinter Armin Hary im Juni 1960 in Zürich als erster Mensch die 100-Meter-Strecke in 10,0 Sekunden - eine Sensation. Die eigentliche Revolution des Jahres 1960 aber spielt sich über den Wolken ab. Sie bringt der Luftfahrt bis dahin kaum vorstellbare Rekorde am Rande der Schallgeschwindigkeit, die fortan fast im Monatstakt verbessert werden. Heute rauscht der Mensch von Neufundland nach Irland in weniger als drei Stunden, von Frankfurt nach New York in sechs Stunden und 21 Minuten, von Chicago nach Frankfurt in sieben Stunden und drei Minuten.

In der alten Welt schien das unvorstellbar. Flüge von Deutschland in die USA hatten doppelt so lange gedauert - selbst mit der Lockheed Super Constellation, die in den 50er-Jahren noch ehrfurchtsvoll als "Königin der Lüfte" gefeiert wird. Die Boeing 707 aber macht die "Super Conny" über Nacht zum Fall fürs Museum.

Der erste Passagierjet mit einem Turbinen-Luftstrahl fliegt - auch dank der markanten Pfeilform, die Boeing und Airbus bis heute als Vorbild für Tragflächen nutzen - mit fast 1 000 km/h. Und sie befördert dabei fast doppelt so viele Passagiere wie die bis dahin größten Flugzeuge mit Kolbenmotoren. "Es war ein Vogel mit dem Faktor zwei. Ob Geschwindigkeit, Größe, Flughöhe oder Zuladung: Fast alle Werte hatten sich verdoppelt", sagt Zeitzeuge Claasen. "Die 707 war der Start in eine neue Epoche - und jeder spürte es", schreibt der stellvertretende Lufthansa-Vorstandschef Reinhard Abraham bei der Ausmusterung des Flugzeugtyps 1984.

Seite 1:

Lufthansa: Wundervogel mit Faktor zwei

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%