60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte: Mannesmann – Die Engländer kommen

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Mannesmann – Die Engländer kommen

2006 endet Deutschlands spektakulärster Wirtschafts-Rechtsstreit - der Mannesmann-Prozess. Zu dem Verfahren kam es, nachdem der britische Mobilfunkanbieter Vodafone den Traditionskonzern übernommen hatte.

MÜLHEIM. Er hat ein ungutes Gefühl. Die Sache könnte schief gehen. Mindestens drei Mal schon hatte das Unternehmen eine feindliche Übernahme in seiner gut 110-jährigen Geschichte abwenden können. Ob es wieder klappt? "Ich war besorgt, wie so viele Mitarbeiter", erzählt Horst Wessel.

Der kleine, asketisch wirkende Mann konserviert seit Jahrzehnten die Konzerngeschichte und poliert historische Reminiszenzen auf, er verfasst Chroniken und organisiert Ausstellungen, er ist Herr über mehr als 10 000 Regalmeter Akten, drei Millionen Fotos und 10 000 Filmrollen, historische Aktien, Münzen, Prospekte und allerlei Gerätschaften aus Stahlrohr. All das will Wessel rechtzeitig retten. Denn er fürchtet, das Unternehmen werde nicht mehr lange selbstständig bleiben.

"Ich bin zum Vorstandschef und dem Aufsichtsratsvorsitzenden gegangen", erzählt der Wirtschaftshistoriker später, "und habe vorgeschlagen, eine Stiftung zu gründen und das Archiv dort einzubringen." Der Vorschlag wird abgelehnt, zwei Mal. Haben die Herren doch ganz andere Dinge im Kopf. Immerhin, sie versuchen die Bedenken des Archivars zu zerstreuen. Wessel: "Ich müsste mir keine Sorgen machen, das werde schon nicht schief gehen, wurde mir gesagt."

Doch die Sache geht schief, das müssen sich auch Vorstand und Aufsichtsrat spätestens am 3. Februar 2000 eingestehen. Vodafone, ein vergleichsweise kleiner, britischer Emporkömmling aus der noch jungen Mobilfunkbranche, schluckt Mannesmann, einen deutschen Industriekonzern mit einer bewegten Geschichte. Es ist die größte Fusion der Wirtschaftsgeschichte und zugleich die erste, bei der ein deutsches Unternehmen nach einer harten Übernahmeschlacht an einen Ausländer geht.

Ein Angriff auf die "Deutschland AG". Der Börsenboom macht es möglich, als Konzernchefs mit der Währung Aktien ein Unternehmen nach dem anderen kaufen, als Woche für Woche spektakulärere Deals verkündet werden, als immer mehr Deutsche dem Lockruf der Börse folgen.

Noch sechs Jahre lang wird das Thema immer wieder in die Schlagzeilen kommen. An den Übernahmekampf schließt sich einer der größten und spektakulärsten Wirtschaftsprozesse an: Ehemalige Topmanager und Aufsichtsräte des Konzerns kommen vor Gericht, weil sie im Verdacht stehen, das Vermögen des Unternehmens veruntreut zu haben. Die Geschichte endet schließlich im Jahr 2006. Nach der Revision des Bundesgerichtshofs kommt es zum zweiten Prozess vor dem Düsseldorfer Landgericht. Angeklagte, Staatsanwaltschaft und Gericht einigen sich auf die Einstellung des Verfahrens.

Über den Prozessausgang und die ausgehandelte Geldauflage von 5,8 Millionen Euro - knapp zehn Prozent der Summe, die Anfang 2000 an ehemalige Mannesmann-Manager und Pensionäre geflossen ist - debattieren Experten bis heute.

Mannesmann, das ist nun in erster Linie ein Fall, der Rechtsgeschichte schrieb und im Mittelpunkt eines Wirtschaftskrimis stand. Denn der einstige Konzern existiert nicht mehr, er ist zerlegt und verkauft. Die Einzelteile aber, die gibt es bis heute. Einige stehen sogar besser da als je zuvor. Und der Name Mannesmann, der ist geblieben - als Bestandteil der Mannesmannröhren-Werke und der Mannesmann Plastics Machinery.

Überdauert hat auch das Prinzip der Brüder Mannesmann, die mit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert den Grundstein für den Konzern legten, ebenso wie eine Idee des letzten Mannesmann-Vorstandschefs, Klaus Esser, der die Zukunft der Telekombranche in einer Kombination aus Festnetz, Internet und Mobilfunk sah. Und das Firmengedächtnis, das ist ebenfalls bis heute erhalten.

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