60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Mehrwertsteuer: Geburt eines Goldesels

Am 1. Januar 1968 wird in der Bundesrepublik die Mehrwertsteuer eingeführt. Weil sie zunächst nur den Fiskus erfreut, ist ihr Start von erheblichen Protesten begleitet.

DÜSSELDORF Es ist eine sonderbare Szenerie, die sich im Januar 1968 an den Taxiständen der deutschen Großstädte abspielt: Gut sichtbar klebt in den Windschutzscheiben vieler Wagen ein rotes "V" - V wie Vorsteuer. Der Aufkleber ist die Antwort der Taxifahrer auf eine Revolution im westdeutschen Wirtschaftsleben. Am 1. Januar 1968 ist die Mehrwertsteuer in Kraft getreten, die bis heute im Kern unverändert geblieben ist.

Mit Rechnungen, auf denen die Mehrwertsteuer ausgewiesen ist, können Firmen fortan zum Finanzamt gehen und sich die Steuer erstatten lassen. "Westdeutschlands Unternehmen und Kaufleute", schreibt das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vor 39 Jahren, "müssen eine völlig neue Buchführung lernen."

Kleinbetriebe wie Taxifahrer haben die Wahl, ob sie beim neuen System mitmachen. Doch wer sich dagegen entscheidet, wird von Firmenkunden gemieden - weil diese sonst auf der Mehrwertsteuer sitzen bleiben würden. Taxifahrer, die beim Vorsteuerausgleich mitmachen, haben im Kampf um Geschäftskunden daher einen Wettbewerbsvorteil.

Für den Fiskus erweist sich die Sache als Goldesel. "Die meisten Verkehrsteuern einschließlich der Umsatzsteuer haben keinen tieferen Sinn als den, dem Staat Geld zu bringen", bemerkt der Bundesfinanzhof im Jahr 1973. Die Sache funktioniert: Fast 140 Milliarden Euro kommen durch die Mehrwertsteuer im Jahr 2005 zusammen. Im kommenden Jahr, wenn der Steuersatz von 16 auf 19 Prozent steigt, werden es 20 Milliarden mehr sein. So gierig war der Staat nicht immer. 1968 verlangt er zehn, ein halbes Jahr später elf Prozent. In fünf Schritten heben Bund und Länder ab 1978 die Sätze auf das heutige Niveau an.

"Jede Erhöhung", sagt Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß 1967, "wird in der Bundesrepublik durch Kürzung anderer Steuern neutralisiert." Ein leeres Versprechen - die Steuer- und Abgabenquote in Deutschland ist laut OECD von 32,2 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 1968 auf 37,2 Prozent im Jahr 2000 gestiegen. Immerhin: Im Zuge der Steuerreformen der rot-grünen Bundesregierung sank sie seitdem auf 34,7 Prozent.

14 Jahre lang hat der Bund an der Mehrwertsteuerreform von 1968 gebastelt. Der Start gerät dennoch zu einer Operation am offenen Herzen. Viele Detailfragen sind am 1. Januar 1968 noch ungeklärt. Von sechs Durchführungsverordnungen ist zu Jahresbeginn nur die Hälfte fertig, wichtige Erlasse lassen ebenfalls auf sich warten. Die "Mehrwertsteuerfibel", mit der das Finanzministerium die Menschen gegen 50 Pfennig Schutzgebühr über das neue Paragrafenwerk aufklärt, erscheint gerade einmal acht Wochen vor dem Tag X.

Die Wirtschaft schäumt. "Die Umstellung ist überstürzt", sagt Karlheinz Oettinger, Direktor der Vereinigung Deutscher Spielwarenhändler. Der Kölner Stahlgroßhändler Otto Wolff attestiert den Unternehmen vor dem neuen Paragrafenwerk "Angst wie vor dem Tode".

Neben der schlechten Vorbereitung kritisiert die Wirtschaft das komplizierte Erhebungsverfahren. Denn die Reform bringt dem Land eine "Allphasen-Netto-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug". Der Porzellan-Fabrikant Philip Rosenthal bezeichnet das System als "Geheimwissenschaft". Seit Januar 1968 muss jeder Unternehmer für all seine Umsätze Mehrwertsteuer an das Finanzamt entrichten. Gleichzeitig bekommt er die Mehrwertsteuer, die er an andere Unternehmen gezahlt hat, von der Behörde zurück - und er kann die von ihm zu zahlende Umsatzsteuer seinem Abnehmer in Rechnung stellen. "Immer dann, wenn die vom Gesetz intendierte Überwälzung der Steuer auf den Phasennächsten gelingt, ist der Unternehmer wirtschaftlich nicht mit Umsatzsteuer belastet", erklärt der Steuerrechts-Bestseller "Tipke/Lang". Nur den Endverbraucher beißen die Hunde - er nämlich kann seine Mehrwertsteuer-Zahlung auf niemanden mehr abwälzen.

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