60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte: Mercedes – Kratzer im Lack

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Mercedes – Kratzer im Lack

Als 2001 der zwanzigmillionste Mercedes vom Band läuft, hat Daimler-Chrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp vieles im Kopf - nicht aber, edle Autos zu bauen.

HB STUTTGART. Wüsste Gottlieb Daimler, wie heute die Limousinen gebaut werden, die seinen Namen tragen, er würde mehr als nur staunen. Da legt ein Roboter im Daimler-Chrysler-Werk zu Sindelfingen einen zweiten Roboter in den Kofferraum, schließt den Deckel und der Roboter im Kofferraum schraubt den Deckel fest. Danach öffnet der erste Roboter die Klappe wieder, holt den Blechbruder heraus und legt ihn wieder in die Ladestation - bis zur nächsten Karosserie. "Das ist unser Mann im Kofferraum", sagt Bruno Baur, der Rohbau-Chef der Mercedes S-Klasse, die die zwei Roboter bauen.

Für die Verarbeitung der Karosserie des besten Mercedes im Sortiment bekam Daimler-Chrysler die höchste Auszeichnung der Automobilwirtschaft verliehen, den "Euro Carbody Award". Wenn ein Kofferraum in geschlossenem Zustand in die Karosserie eingebaut wird, ist späteres Nacharbeiten nicht mehr nötig. "1988 war die Zahl der Roboter überschaubar", sagt Bruno Baur, "heute haben wir hier mehrere hundert im Einsatz."

Am 17. Februar 1988, in der siebten Kalenderwoche vor 18 Jahren, nimmt die Marke Mercedes eine Schallmauer: Ein Mercedes Roadster 300 SL läuft in Sindelfingen vom Band - der Wagen ist der zehnmillionste der Marke seit der Wiederaufnahme der Produktion 1946. Für die nächsten zehn Millionen baucht der Autokonzern nur knapp vierzehn weitere Jahre: Der zwanzigmillionste Mercedes wird am 27. Dezember 2001 gefertigt. Einmal mehr wird Daimler dem Mythos als Autohersteller gerecht - und seiner großen Rolle in der deutschen Wirtschaftsgeschichte der vergangenen 100 Jahre.

Allerdings fallen beide Jubiläen für den Konzern mit dem Stern als Logo in unruhige Zeiten. In die 80er-Jahre toben Machtkämpfe aus um Führung und Strategie des Autobauers, und 20 Jahre lang geht es hin und her bei Daimler zwischen Diversifikation und Konzentration, zwischen großen Deals und Milliardenpleiten. Und 2001 zeichnet sich immer deutlicher ab, dass der größte Deal von allen, die ambitionierte Fusion mit dem US-Hersteller Chrysler drei Jahre zuvor, mehr Probleme bringt als Lösungen. So manche von den Folgen zwickt den neuen Daimler-Chef Dieter Zetsche so sehr, dass er im Frühjahr 2007 den Verkauf von Chrysler beschließt. Für 5,5 Mrd. Dollar verkauft er 80,1 Prozent der amerikanischen Tochter an den Finanzinvestor Cerberus.

Einer ihrer ersten Großaufträge bringt der Weltmarke im Jahr 1900 ihren Namen: Da bestellt der Geschäftsmann Emil Jellinek 36 Autos bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Cannstatt. 550 000 Mark bekam die junge Firma dafür - und den Vornamen von Jellineks Tochter. Der wird zum Synonym werden für Weltklasseautomobile: Mercedes.

88 Jahre später ist das Jubiläumsauto ein Nachfolger des legendären Sportwagens von 1954. Mit den nach oben schwingenden Flügeltüren erobert sich der 300 SL die Herzen der Sportwagenfans - auch wenn die Flügeltüren 1988 Geschichte sind.

Mit Spitzentechnik, Rennsporterfolgen und hoher Qualität knüpft die Marke Mercedes nach 1945 an die Führungsposition in der Luxusklasse an, die sie schon vor dem Zweiten Weltkrieg innehatte. In den Wirtschaftswunderjahren sind Mercedes-Limousinen so gefragt, dass Kunden Lieferzeiten von bis zu 18 Monaten in Kauf nehmen. Mit dem Stern auf der Motorhaube zu fahren wird zum Statussymbol. Bis weit in die 70er-Jahre hinein gilt: Wer einen Mercedes fährt, hat es zu etwas gebracht.

Kaum ein Konkurrent wagt es, den Mythos anzugreifen. BMW ist zu dieser Zeit noch gar nicht in der Oberklasse vertreten. Bei Audi denkt man eher an Toilettenrollen unter selbst gehäkelten Schonern auf der Hutablage als an Sportlimousinen.

Doch in den 80er-Jahren geht der Konzern in die Breite. Ab 1982 steigt Daimler mit der Baureihe 190 in die Mittelklasse ein. Auch Mercedes braucht höhere Stückzahlen und ein sparsames und günstigeres Modell wie den "Baby-Benz". Von nun an purzeln die Absatzrekorde wie von selbst: 1946 werden in Sindelfingen 214 Fahrzeuge gebaut, im Jahr 1950 rollen 30 000 Wagen vom Band, 1960 sind es 120 000, 1970 schon 280 000 und 1987 fast 600 000 Fahrzeuge.

Die beschleunigte Expansion fordert in den 80er-Jahren ihren Preis. Mercedes bekommt erstmals Qualitätsprobleme. Die 190er-Baureihe leidet unter zahlreichen "Kinderkrankheiten". Immer häufiger tauchen Autos mit dem Stern in der ADAC-Pannenstatistik auf. Auch der Konzerngewinn geht zurück.

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