60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Milliardenkredite – Hilfe für die DDR

1982 gerät die DDR finanziell in die Klemme - und wendet sich an den Klassenfeind im Westen. Klammheimlich fädelt CSU-Chef Franz Josef Strauß zwei Milliardenkredite für den SED-Staat ein.

BERLIN. Der Mann aus Ost-Berlin rückt seine Sonnenbrille gerade. "Das Geschäft läuft ja gut an", denkt er. Vor ihm stoppt ein dunkelblauer BMW 750 der Bayerischen Staatsregierung. Der Chauffeur öffnet die Tür zum Fonds, der Mann mit der Sonnenbrille steigt ein. Kurz darauf passiert der gepanzerte Wagen die deutsch-deutsche Grenze - ohne Kontrollen.

Die Fahrt geht nach Oberbayern. Der BMW verlässt die Bundesstraße und biegt auf einen Feldweg ab. Auf einer Anhöhe taucht das Gut Spöck auf, das Gästehaus des Rosenheimer Großschlachters Josef März. "Ein bayerischer Hof wie aus dem Bilderbuch", erinnert sich der Reisende, "umgeben von sattgrünen Wiesen und überwölbt von einem strahlend weißblauen Himmel." Das Ehepaar März empfängt den konspirativen Besucher mit "größter Freundlichkeit, ja Herzlichkeit".

Der Mann aus dem Osten heißt Alexander Schalck-Golodkowski. Er ist oberster Devisenbeschaffer der DDR und Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) im Ministerium für Außenhandel. Ein Gedanke treibt ihn nach Oberbayern: "Wird sich ausgerechnet hier eine Lösung für die Kreditprobleme der DDR finden lassen?" Schalcks Staat braucht eine Milliarde D-Mark - erst mal.

Mit halbem Ohr hört er seinen Gastgebern zu, blickt auf den schilfumstandenen Rinssee, wartet. Dann Lärm. Ein Helikopter des Bundesgrenzschutzes landet auf der Wiese. "Lachend und winkend entstieg ihm Franz Josef Strauß", erinnert sich der Mann aus Ost-Berlin.

Das Rendezvous beim Schlachter im Mai 1983 war der Anfang einer großen Geldbeschaffung für die DDR. Und mehr als ein Jahr nach Schalcks Visite beim Klassenfeind, am 25. Juli 1984, hatte die SED-Führung ihr Ziel endlich erreicht: Die Bundesregierung segnete auch den zweiten Milliardenkredit deutscher Banken an die marode DDR ab.

Monatelang beherrschte das Geschäft der verfeindeten Brüder die Schlagzeilen und löste laut den Erinnerungen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl vor allem bei allen Bürgern "rechts der Mitte" einen "echten Schock" aus. Und es verschaffte einem der schillerndsten Politiker der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte seinen letzten großen Auftritt: Franz Josef Strauß.

Der bayerische Ministerpräsident fädelte das Milliardengeschäft mit dem klammen Arbeiter- und Bauernstaat ein. Die Konsequenzen erlebte er nicht mehr. "Weil er dem SED-Regime ermöglichte, ohne die überfälligen Reformen weiterzumachen, ebnete er ihm den Weg in den Ruin", urteilt sein Biograf Stefan Finger.

Herbst 1982: Der Vorsitzende der CSU erlebt schlimme Wochen. Für den Sohn eines Münchener Metzgers haben sich mit der Wahl seines Rivalen Helmut Kohl zum Bundeskanzler die Türen zur ganz großen Macht für immer geschlossen. Ausgerechnet Kohl. Hatte Strauß ihn nicht jahrelang unterschätzt, gar verhöhnt? Sechs Jahre zuvor, in seiner "Wienerwald-Rede" im Jahr 1976, polterte Strauß: "Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig. Ihm fehlt alles."

Und nun? Kohl regiert Deutschland, Strauß verwaltet Bayern. Kohl macht Weltpolitik, Strauß Provinzpolitik. Der CSU-Boss flüchtet sich in Zynismus. Für ihn sei es nicht wesentlich, "wer unter mir Bundeskanzler ist". Die Hilflosigkeit bleibt.

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