60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
MP3 – Eine deutsche Erfindung

Im Juli 1995 bekommt eine neue Technik aus Deutschland ihren Namen: MP3. Das Format zum Komprimieren von Musikdateien revolutioniert den Weltmarkt für Musik.

HANNOVER Nein, Stars sind sie keine. Karlheinz Brandenburg und Harald Popp bewegen sich weitgehend unbehelligt über die Computer-Messe Cebit im Frühjahr 2007. Hier und dort erklären sie ihre neuesten Entwicklungen. Dabei werfen sie mit Fachbegriffen wie "immersive Systeme" oder "Wellenfeldsynthese" um sich - wie Techniker eben. Und wie Techniker sehen sie auch aus. Brandenburg etwa trägt ein pfirsichfarbenes Hemd zum karierten Sakko. Sein angegrauter Vollbart ist nicht besonders gleichmäßig gestutzt. Zwei ganz normale Ingenieure, so scheint es. Doch hin und wieder kommt ein Besucher auf sie zu und sagt: "Danke!"

Die beiden deutschen Forscher haben gemeinsam mit ihren Kollegen vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen Musikfans auf der ganzen Welt eine Erfindung geschenkt, mit der sie sich unkompliziert Lieder aus dem Internet auf ihre Rechner herunterladen können. Die Wissenschaftler gaben der neuen Technik am 14. Juli 1995 ihren Namen: MP3. Das Kürzel wird zum Synonym für die digitale Revolution im Musikgeschäft - und zum Albtraum der Plattenindustrie.

Dass ihre Erfindung ein derartiges Erdbeben auslösen würde, davon hätten sie nicht mal geträumt, sagt Karlheinz Brandenburg: "Ich muss mich manchmal zwicken, um das alles zu begreifen." Harald Popp fand einen eigenen Weg, um seinen Erfolg zu realisieren: Wenn er mit seinen beiden Söhnen unterwegs war, versuchten sie, Menschen mit MP3-Playern zu entdecken. Es wurden sehr schnell mehr. "Ein tolles Gefühl", sagt Popp.

Am Anfang ihrer Erfolgsgeschichte steht die Idee, Musik über Telefonleitungen zu übertragen. Dieter Seitzer, Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, stellt bereits in den 70er-Jahren einen ersten Patentantrag. Doch der Prüfer lehnt das Gesuch ab. Begründung: Das sei technisch nicht realisierbar. Und er hat Recht: Nach damaligem Wissenstand ist es unmöglich, Musikstücke so zu komprimieren, dass sie durch Telefonleitungen passen.

Doch Seitzer glaubt an seine Idee. Er sucht einen Studenten, der sie im Rahmen einer Doktorarbeit weiterverfolgt. Karlheinz Brandenburg, ein 25-jähriger Student der Elektrotechnik und Mathematik, hat seine Diplomarbeit abgeschlossen. Er tritt die Doktorandenstelle 1982 an. "Ich habe nicht daran geglaubt, dass es funktionieren könnte", sagt er heute.

Die ersten vier Jahre kommt Brandenburg tatsächlich nur sehr mühsam voran. Dann, im Februar 1986, hat er die geniale Idee. Ob ihn der Geistesblitz tatsächlich unter der Dusche traf, wie häufig zu lesen ist, weiß Brandenburg nicht mehr so genau. Wie auch immer: Er findet einen Weg, wie sich die Daten stärker zusammenpressen lassen, ohne dass die Klangqualität leidet. Erst werden die Signale auf allen Frequenzen wie mit einem Rasenmäher gleichermaßen gestutzt. Dann werden die anspruchsvollen Sequenzen des Liedes, die gelitten haben, wieder etwas aufpoliert. An den anderen Stellen wird so lange weiter gekürzt, wie es ohne Qualitätsverluste geht.

Nach Brandenburgs Durchbruch nimmt das Projekt Fahrt auf - auch dank eines anderen jungen Forschers am Fraunhofer-Institut: Harald Popp. Der damals 30-Jährige entwickelt binnen weniger Monate ein Gerät, das die Arbeiten an dem neuen Format dramatisch beschleunigt. Vorher rechneten die Computer vier Stunden, um 20 Sekunden Musik zu komprimieren. Das Testen der Codierungsverfahren wurde dadurch zu einem schwer erträglichen Geduldsspiel. Popps Apparat schafft die Umwandlung dagegen in Echtzeit.

Eine Zeitersparnis, die die Forscher dringend brauchen. Denn ab 1988 entwickelt sich ein regelrechtes Wettrennen: Die Internationale Standardisierungsorganisation (ISO) ruft die "Moving Picture Experts Group" (MPEG) ins Leben. Sie soll ein Standardverfahren erarbeiten, mit dem sich Musik und Filme komprimieren lassen. Beim ersten Treffen der Gruppe in Hannover gehen 14 Teams aus aller Welt an den Start. Doch schnell kristallisiert sich ein innerbayerischer Zweikampf heraus: Auf der einen Seite die Forscher der Erlanger Universität und des IIS. Auf der anderen Seite das Münchener Institut für Rundfunktechnik.

Zwei Tage vor dem Abgabetermin reist eine Delegation aus München zum Probehören nach Erlangen. Es erklingt "Tom's Diner", ein Hit der US-Liedermacherin Suzanne Vega. Ihre rauchige Stimme ist die ultimative Herausforderung für die Kompressionsverfahren - und sie klingt furchtbar. In der Software stecken noch einige Fehler. Hätten die Forscher das nicht gerade noch rechtzeitig bemerkt, wäre hier wohl Schluss für sie gewesen.

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