60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Münchener Rück – Hausgemachtes Erdbeben

1998 rutschte die grundsolide Münchener Rück in ihre größte Krise. Die Übernahme des Konkurrenten American Re zwei Jahre zuvor entpuppte sich als viel teurer als erwartet.

MÜNCHEN. Princeton: Das steht für Geist, Geld und Geschäft. Rund um den Campus der Eliteuniversität haben sich Weltkonzerne versammelt, um das abzuschöpfen, was hier zwischen New York und Philadelphia im Überfluss vorhanden ist: Know-how. Auch der Business-Park in Plainsboro, ein paar Meilen nördlich des Unistädtchens, versammelt große Namen: den Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb, die Investmentbank Merrill Lynch oder das Wall Street Journal.

Zu den am wenigsten auffälligen Adressen in Plainsboro zählt ein Unternehmen, zu dessen Geschäftsmodell seit jeher die Diskretion zählt: die American Reinsurance Corporation, einer der traditionsreichsten Rückversicherer der USA; 1 200 Mitarbeiter, 13 Niederlassungen in den USA, dazu 16 im Ausland.

Die American Re ist das, was man eine feine Adresse nennt. Jedenfalls glaubt das die Branche zu diesem Zeitpunkt noch.

Es ist Anfang August 1996, als eine Schar aus Versicherungsmathematikern, Anwälten und Wirtschaftsprüfern aus München, Germany, bei der American Re in Plainsboro Einlass begehrt. Der wird natürlich gewährt, schließlich geht es für den Eigentümer um Milliarden. Kohlberg Kravis Roberts hat American Re vor vier Jahren für 1,4 Milliarden Dollar gekauft, nun will die Großmutter aller Beteiligungsgesellschaften Kasse machen.

Fast alle namhaften Rückversicherer der Welt wie Swiss Re oder Employers Re haben Schlange gestanden. Bis nach Plainsboro hat es nur die Truppe der Münchener Rückversicherungs AG geschafft, der größten Rückversicherung Europas.

Der Coup, der in der 33. Kalenderwoche anno 1996 besiegelt wird, ist für die Münchener nicht nur die größte Übernahme ihrer 114-jährigen Firmengeschichte. Er ist auch ein Abenteuer, das ihre vornehm-zurückhaltende Tradition in Frage stellt und reichlich Lehrgeld kostet.

Seit 1880 in Schwabing daheim, ist die Münchener Rück mehr als ein Unternehmen. Sie ist eine Ikone für die Versicherungsbranche - in Deutschland sowieso, aber auch weltweit. Sie ist ein Symbol für die Leistungskraft deutscher Assekuranz. Unter ihrem Gründer Carl Thieme schaffte es die Firma, nur fünf Jahre nach ihrer Gründung in der neuen Branche Weltmarktführer zu werden - und dies jahrzehntelang auch zu bleiben.

Konkurrenten fallen Krisen zum Opfer, die Münchener Rück machen sie stärker. 1906 bebt in San Francisco die Erde, eine Katastrophe für die Einwohner und für ihre Versicherer. Die Münchener Rück, wie das gesamte wilhelminische Reich vor Selbstbewusstsein strotzend, hat sich tüchtig engagiert in Kalifornien.

Das Erdbeben fordert 3 000 Tote - und es schlägt eine Bresche in die Bilanz des Versicherers der Versicherer. San Francisco ist verwüstet, eine halbe Milliarde Dollar beträgt der Schaden, 180 Millionen davon sind versichert. Für zwölf Prozent ihrer Nettobeitragseinnahmen muss die Münchener Rück geradestehen, das macht zwölf Millionen Reichsmark - eine Unsumme. Firmen wie die Süddeutsche Feuerversicherung gehen ein, die Münchener Rück hält stand.

Viele Erdbeben hat der Konzern seit 1906 überlebt. Doch das, das ihn 90 Jahre später ereilt, ist ein besonderes: Es ist hausgemacht. Bis heute bestreitet das Unternehmen, dass die Zeit, die Bücher der American Re zu prüfen, zu kurz gewesen sei, damals, im August 1996, in Plainsboro.

Die Branche der Rückversicherer ist eine überschaubare. Regelmäßig trifft man sich bei den so genannten "Erneuerungsrunden", September in Monte Carlo, Oktober in Baden-Baden. Da wird der Markt gemacht zwischen Rück- und Erstversicherern - per Hinterzimmerdiplomatie.

American Re ist den Deutschen also bestens bekannt, und sie steht schon einige Monate zum Verkauf. Die Münchener haben eine 60 Mann starke Truppe zusammengestellt, darunter Spitzen-Anwälte von Shearman & Sterling und Investmentbanker von Morgan Stanley.

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