60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte: Ölkrise: Die fetten Jahre sind vorbei

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Ölkrise: Die fetten Jahre sind vorbei

Autofrei dabei: Im November 1973 erreicht die Ölkrise auch die Deutschen - und sie beendet ein für allemal die goldenen Zeiten des Wirtschaftswunders.

DÜSSELDORF. Ein Bild wie aus längst vergangener Zeit: Berlins Kinder lärmen mit ihren Rollschuhen auf dem Kudamm, in den Altstädten dampfen Brauereipferde in ungemütlicher Novemberkälte. Ganze Familien bummeln über die Schnellstraßen und Autobahnen. "Dabei zeigen sie erstaunte Gesichter wie bei der Weihnachtsbescherung. So schön, so beruhigend, so anheimelnd", schwärmen Reporter des Westdeutschen Rundfunks in ungewohntem Ton. Bussarde kreuzen in nur einem Meter Höhe die Fahrbahnen.

Trügerische Idylle am Totensonntag 1973 - es ist der erste von vier autofreien Sonntagen in Deutschland. Niemand ohne Ausnahmegenehmigung, wie sie zum Beispiel Dienst habende Polizisten, Notärzte, Reporter oder Blumenhändler erhalten hatten, durfte sich hinters Lenkrad setzen. Auf Grundlage des neuen Energiesicherungsgesetzes hatte FDP-Wirtschaftsminister Hans Friderichs den Deutschen Fahrverbot am Sonntag verordnet. Für alle anderen Tage galt ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf den Autobahnen.

Allzu lange hatten die Europäer geglaubt, die mächtigen Ölgesellschaften würden schon dafür Sorge tragen, dass ihr wertvoller Lebenssaft immer billig und ungefährdet zur Verfügung stehe. Doch als der vierte Nahost-Krieg ausbrach, drehten die arabischen Staaten den westlichen Freunden Israels ganz oder teilweise den Ölhahn zu. Diese "Waffe erzeugt ihre Wirkung schon durch die bloße Vorstellung der Wirkung, die sie erzeugen könnte", kommentiert die "Neue Zürcher Zeitung" treffend.

Die industrialisierte Welt bangt um ihren Wohlstand. Autofreie Straßen, ein Land im Stillstand - lange hatten die Regierenden in Bonn gezögert, solche Bilder per Gesetz heraufzubeschwören. Tatsächlich wurden die leeren Straßen zur Symbolik eines Epochenwandels. Die Zeit des Wirtschaftswunders war vorbei. Was folgte, waren Ölkrise, Inflation, Arbeitslosigkeit.

In den Niederlanden warnen nach mehreren autofreien Sonntagen Psychologen vor einer Ära von Familienkrächen, Nachbarschaftsfehden und Aggressionsdelikten. So weit ist es in Deutschland noch nicht. Als ihr Lieblingsspielzeug am ersten Sonntag in der Garage bleiben muss, reagieren ausgerechnet die weltweit als Schwarzseher gescholtenen Deutschen erstaunlich gelassen.

"Für die meisten war das einfach ein ungewohnter Spaß, ein Gefühl von Freiheit", erinnert sich Walter Hülshoff heute. Damals war er 34 Jahre alt, Prokurist und später Vorstandschef der Rheinbahn in Düsseldorf. Wie viele andere Menschen flanierte er genüsslich über sonst stark befahrene Straßen. Weder Bilder von gestressten Busfahrern noch von genervten Fahrgästen sind in seinem Gedächtnis haften geblieben. "Chaos gab es nicht", sagt er. Die friedliche Atmosphäre war trügerisch, stand im Gegensatz zu den bangen Gefühlen, die die Menschen seit Wochen plagten. Tiefschwarze Letter in den Zeitungen verkündeten jeden Tag Hiobsbotschaften: "Energiekrise" (Handelsblatt), "Ölangst" ("Spiegel"), "Europa unter Druck" ("Zeit"), "Es wird ernst" ("Stern").

Was war passiert? Ein Überraschungsangriff markiert den Beginn der Ereignisse. Am 6. Oktober 1973, dem heiligen Versöhnungsfest der Juden (Jom Kippur), greifen ägyptische und syrische Truppen Israel an. Am Abend in der Tagesschau erfahren es auch die Deutschen, dass im Sinai und auf den Golan-Höhen geschossen wird.

"Das Heulen der Sirenen unterbrach um zwei Uhr die Feiertagsruhe. Wir erstarrten vor Schreck", erinnert sich Lea Rabin, Ehefrau des späteren israelischen Ministerpräsidenten Itzhak Rabin, in ihren Memoiren.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen endeten auf Drängen der Großmächte bereits Ende Oktober mit einem Waffenstillstand, kontrolliert von Uno-Friedenstruppen. Die arabischen Länder bringen allerdings eine höchst wirkungsvolle Waffe zum Einsatz: Um ein Viertel wollen sie ihre Ölförderung drosseln, die Rohölpreise sollen dagegen um ein Fünftel steigen.

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