60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte: ÖTV-Streik: Mit Maultaschen und Butterbrezeln

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
ÖTV-Streik: Mit Maultaschen und Butterbrezeln

Anfang 1974 streikt der öffentliche Dienst. ÖTV-Chef Heinz Kluncker erzwingt nicht nur eine Lohnerhöhung von elf Prozent. Der Streik trägt auch zum Rücktritt von Willy Brandt bei.

HB DÜSSELDORF. Hans-Dietrich Genscher kann mit Heinz Kluncker. Seit 1969 ist er Innenminister im Kabinett Willy Brandts und damit Verhandlungsführer des Bundes bei den Tarifrunden im öffentlichen Dienst. Der liberale Taktiker und der schwergewichtige Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, der ÖTV, vertrauen einander. Oft suchen sie das Vier-Augen-Gespräch. Zuweilen ist FDP-Mann Genscher Gast in Klunckers Haus in Stuttgart.

In den letzten Monaten des Jahres 1973 lastet auf beiden hoher Druck. Deutschland steht unter Schock. Die Regierung hat Sonntagsfahrverbote verordnet, um der Ölkrise zu begegnen. Die Jahre der Hochkonjunktur sind vorüber. Den Deutschen stehen harte Zeiten bevor, aber sie möchten es noch nicht recht wahrhaben.

Am 13. Februar 1974 trägt Heinz Kluncker den Sieg davon. Die ÖTV erstreikt eine Lohn- und Gehaltserhöhung von elf Prozent. Davon können die Mitglieder der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, in der die ÖTV 2001 aufging und die in diesen Tagen Nahverkehr, Kindergärten und Krankenhäuser bestreiken, nur träumen. Sie wären zufrieden, wenn sie die Erhöhung ihrer Arbeitszeit um 90 Minuten pro Woche verhindern könnten. Die Methoden mögen sich wiederholen, die Ansprüche haben sich verändert.

Das Jahr 1973 markiert eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Zwar steigt das reale Bruttosozialprodukt in diesem Jahr um 5,3 Prozent. Aber schon im Herbst verschieben immer mehr Unternehmen ihre Investitionsprojekte. Und auch den Verbrauchern vergeht die Spendierlaune. Im ersten Quartal 1974 wächst die Wirtschaft nur noch um 1,5 Prozent. Die Preise beginnen zu laufen. Die Ölkrise nimmt das Land als Geisel. Obwohl sich die Zahl der Arbeitslosen von 332 000 im November 1973 auf 620 000 im Januar 1974 fast verdoppelt und die Arbeitslosenquote auf über drei Prozent ansteigt, fällt es Gewerkschaftern wie Heinz Kluncker schwer, ihre Erwartungen zurückzuschrauben.

In der Hochkonjunktur Anfang der siebziger Jahre hat es bei sprunghaft steigenden Preisen Tarifanhebungen bis zu 15 Prozent gegeben - an solche Abschlüsse hat sich mancher zu sehr gewöhnt. Im Frühjahr 1973 brechen in der Stahlindustrie wilde Streiks aus. Die auf acht Prozent hoch geschnellte Inflation entfacht den Unmut der Arbeiter. Der Ruf nach Teuerungszulagen wird immer lauter. Im August rollt eine Welle spontaner Arbeitsniederlegungen durchs Land. Anfang 1974 erreicht sie den öffentlichen Dienst.

Die ÖTV-Bezirke drängen auf eine hohe zweistellige Lohnforderung, einen Mindestbetrag und ein Urlaubsgeld. Der Einkommenrückstand des öffentlichen Dienstes gegenüber der Privatwirtschaft soll aufgeholt und ein Nachschlag für die unerwartet hohen Preissteigerungen hereingeholt werden. Die Forderung soll auch die für das Jahr 1974 zu erwartende, durch die Ölpreissteigerungen angeheizte Teuerung auffangen und einen Anteil am Produktivitätswachstum sichern.

Auch politisch kommt dem Tarifabschluss im öffentlichen Dienst eine hohe Bedeutung zu. Innenminister Genscher ist sich sicher, dass Kluncker um diese Bedeutung weiß und bemüht ist, den Abschluss unter zehn Prozent zu halten, "der von der Bundesregierung verbal errichteten Schallmauer", wie das Handelsblatt schreibt. Das sagt Genscher auch Willy Brandt, wie er in seinen Erinnerungen schreibt.

Der Innenminister warnt seinen Kanzler zugleich, öffentlich eine Zahl für den Tarifabschluss zu nennen. Kluncker hat Genscher eindringlich geraten, jede Festlegung auf weniger als zehn Prozent zu vermeiden. Sonst werde der Druck auf den ÖTV-Chef, die Zehn-Prozent-Schwelle auf jeden Fall zu überschreiten, noch weiter wachsen.

Brandt hört nicht auf Genscher. Nach einem Bericht des "Spiegel" treiben der damalige Finanzminister Helmut Schmidt und Wirtschaftsminister Hans Friderichs Brandt in die Konfrontation mit Kluncker.

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