60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Pay-TV: Pleite oder Monopol

Im April 2002 meldet Leo Kirch Insolvenz an. Der Medienvisionär aus München hat alles auf die Zukunft des Bezahlfernsehens in Deutschland gesetzt - und er hat verloren.

MÜNCHEN. Es ist ein historisches Ereignis, aber es findet fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gerade einmal ein paar hundert Zuschauer erleben das Debüt von Teleclub, Deutschlands erstem Bezahlfernsehsender. Was sie sehen? Nicht einmal die Senderchefs können sich heute, 18 Jahre später, noch daran erinnern. Nur eines fällt den meisten Experten ein, wenn sie an Teleclub zurückdenken: "Ich bin in viele Läden gerannt, doch der für den Empfang notwendige Decoder war nicht aufzutreiben", erzählt ein Branchenkenner.

Im beschaulichen Oldenburg startete Leo Kirch am 25. Oktober, in der 43. Kalenderwoche 1988, das erste Bezahlfernsehen in Deutschland. "Wir sahen die positiven Beispiele in den USA und in Frankreich. Es ging darum, die Verwertungskette der Filmrechte lückenlos abzudecken", erinnert sich Gottfried Zmeck, lange Zeit die Nummer zwei hinter Kirch in dessen Medienkonzern.

Der Start des Teleclubs fällt in die Zeit, als das deutsche Privatfernsehen gerade erst das Laufen lernt, als die Medienwelt bunter wird und Deutschland nicht mehr das Land der drei Programme ist. Kirch ist davon überzeugt, dass werbefreies Fernsehen gegen eine monatliche Gebühr ein lukratives Geschäftsmodell ist.

Für den Zuschauer ist es ein eher teures Vergnügen. In Oldenburg und in 20 weiteren Großstädten müssen die ersten Kunden eine Aufnahmegebühr von 90 Mark zahlen plus 34 Mark pro Monat. Dafür bekommen sie monatlich 50 Spielfilme zu sehen, eine Hälfte ist neu, die andere aus dem Vormonat. Das Empfangsgerät müssen sie sich bei einem Elektrohändler leihen.

Leo Kirch ist damals - in den goldenen Jahren der Medienbranche - voller Optimismus. Der einst wichtigste Filmlieferant der ARD verbucht in den 80er- und 90er-Jahren einen Erfolg nach dem anderen. 1985 gründet er zusammen mit Verlagen den ersten deutschen Privatsender Sat 1. Mit der Einführung einer privaten Konkurrenz von ARD und ZDF füllen sich die Kassen des mittelständischen Unternehmers. Niemand ahnt, dass ausgerechnet das Bezahlfernsehen Jahre später der Sargnagel für das Medienimperium von Leo Kirch sein wird.

Gut zwei Jahre nach dem Start des Teleclubs wagen die Bertelsmanntochter CLT-Ufa und das französische Pay-TV-Unternehmen Canal Plus das Abenteuer Bezahlfernsehen. Mit dem Kooperationspartner Kirch heben sie Anfang 1991 Premiere aus der Taufe. Die knapp 100 000 Abonnenten vom Teleclub werden in die Kundenkartei von Premiere aufgenommen.

"Der Bezahlsender Canal Plus in Frankreich ging ab wie eine Rakete. Deren Plan, auch nach Deutschland zu expandieren, hat uns nur bestärkt", sagt Zmeck, der für Kirch in den 90er-Jahren das Bezahlfernsehen führte. Doch die öffentliche Kritik am Pay-TV ist groß. "Weil mit werbefinanziertem Fernsehen auf Dauer nicht mehr Geld zu machen sein wird als heute schon, greifen die TV-Veranstalter via Pay-TV nun direkt in die Tasche der Zuschauer", warnt Oliver Herrgesell, der heutige Sprecher des Fernsehkonzerns RTL Group, damals in der Zeitung "Die Woche". Auch aus den Reihen von ARD und ZDF hagelt es Kritik. Bezahlfernsehen ist etwas für Roulettespieler, glaubt dort so mancher.

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