60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Pille – Praktisch wie eine Aspirin

Im Juni 1961 wagt sich Schering mit einem umstrittenen neuen Produkt auf den deutschen Markt: der "Pille". Heute gehört der Konzern zu den Weltmarktführern bei Verhütungsmitteln.

DÜSSELDORF. "Liebe Mrs. Sanger" beginnt im Januar 1925 der Brief aus Englishtown, New York. "Ich bin 30 Jahre alt und habe elf Kinder, habe ein Nieren- und Herzleiden. Meine Kinder sind unterentwickelt, wir sind arm. Jetzt bin ich wieder ein paar Wochen überfällig. Mein Doktor sagt, dass ich verrückt werde, wenn ich dieses behalte, aber er will nichts für mich tun." Lieber wolle sie sterben, als noch ein Kind zu bekommen.

Tausende solcher verzweifelter Briefe erreichen Margaret Sanger. Die Krankenschwester kennt die Folgen des übermäßigen Kindersegens wie Armut und Trunksucht. Und sie macht sie publik: "Die schwachen, zerbrechlichen Frauen alle Jahre schwanger wie automatische Brutmaschinen", schreibt sie. Viele von ihnen sieht Margaret Sanger nach illegalen Abtreibungen verbluten.

Sanger findet sich damit nicht ab. Sie baut in den USA die ersten Kliniken auf, die Frauen über Empfängnisverhütung informieren. 1950 schließlich, da ist die Frauenrechtlerin 71 Jahre alt, treibt sie ihre größte Idee voran: "Frauen brauchen ein sicheres Verhütungsmittel, einzunehmen so leicht wie eine Aspirin." Die "Pille" wird es genannt werden.

So wird Margaret Sanger nicht nur die Mutter eines der wohl politischsten Produkte des 20. Jahrhunderts, sondern auch einer bundesdeutschen Erfolgsgeschichte - der von Schering. Der Berliner Pharmakonzern bringt am 1. Juni 1961, in der 22. Kalenderwoche vor 45 Jahren, die Pille in Deutschland unter dem Markennamen Anovlar auf den Markt. Heute ist Schering Weltmarktführer für Mittel zur Empfängnisverhütung.

"Ein historischer Tag" und "einen gewaltigen Schritt vorwärts" nennt der "Stern" 1961 den großen Tag. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hatte schon 1898 geahnt: "Es wäre einer der größten Triumphe der Wissenschaft, den verantwortlichen Akt der Kinderzeugung zu einer beabsichtigten Handlung zu erheben."

1957 war das neue Präparat unter dem Namen Enovid auf den amerikanischen Markt gekommen. Im Auftrag von Margaret Sanger und unterstützt von einer Millionenerbin hatte der Biochemiker Gregory Pincus ein orales Kontrazeptivum entwickelt.

Anovlar von Schering ist das erste Präparat zur hormonellen Empfängnisverhütung in Europa - eine Östrogen-Gestagen-Kombination, die dem Körper eine Schwangerschaft vortäuscht. Der Eisprung bleibt aus. Verglichen mit Enovid, ist die Hormondosierung um die Hälfte reduziert.

Berlin, Frühjahr 2006: Der Pharmakonzern Schering ist das einzige Dax-Unternehmen der Stadt, ansässig im Wedding - dort, wo die Hauptstadt sonst grau und trostlos ist. Der Berufsverkehr quält sich an Billigläden, türkischen Geschäften und Mietshäusern vorbei. Das Aluminium der Firmenzentrale mit ihren 15 Stockwerken schimmert matt.

An diesem Morgen meldet das Unternehmen, das weltweit 25 600 Mitarbeiter beschäftigt, außerordentlich gute Zahlen. Zu den Verkaufsschlagern zählt eine Pille mit klangvollem Namen, Yasmin. Im ersten Quartal dieses Jahres stieg ihr Umsatz um 34 Prozent auf 180 Millionen Euro.

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