Quelle: „Wollen! Wägen! Wagen!“

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Zur Ruhe findet Schickedanz nur in der Natur und in der Kunst. Den Rückzug in die Innerlichkeit hatte er in Lebenskrisen entwickelt. "Todesfahrt einer Fürther Familie" titelt am Montag, den 15. Juli 1929 die Nordbayrische Zeitung. Ein Sonntagsausflug der jungen Familie Schickedanz endet in einem Verkehrsunfall, bei dem die erste Frau von Gustav Schickedanz, Anna, und sein einziger Sohn, Leonhard, ums Leben kommen. Gustav wird schwer verletzt, nur die kleine Tochter Louise bleibt unverletzt. Über den Verlust spricht Schickedanz zeitlebens ebenso wenig wie über die Nachkriegszeit.

Als NSDAP-Mitglied und Großunternehmer erteilen ihm die Alliierten 1945 Berufsverbot, beschlagnahmen die Villa in Dambach und verpflichten ihn zur Zwangsarbeit. Bis Schickedanz 1949 freigesprochen wird, führt seine zweite Frau, das ehemalige Lehrmädchen Grete, die Geschäfte.

Wieder rehabilitiert, ehrt ihn seine Heimatstadt Fürth früh. 1952 erhält er die Goldene Bürgermedaille, 1959 folgt das Ehrenbürgerrecht, seit den 60er-Jahren grüßt ein rundes Schild "Fürth, Stadt der Quelle" die Ankommenden am Hauptbahnhof.

"Gustav Schickedanz war nicht nur der größte Gewerbesteuerzahler der Stadt, er war auch ein Vorbild an Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit", sagt Kurt Scherzer, Jahrgang 1920. Der Volljurist sitzt mit blauen Pantoffeln in seinem Haus im Stadtteil Unterfürberg und versinkt in einem tiefen Ohrensessel. Von 1964 bis 1984 war Scherzer Oberbürgermeister von Fürth. "Gustav Schickedanz hatte stets ein offenes Ohr- und ein offenes Portemonnaie", sagt Scherzer und grinst. Zu seinem 70. Geburtstag 1965 etwa schenkte Schickedanz seiner Heimatstadt eine Million Mark für den Bau einer Sporthalle. 29 Jahre nach seinem Tod jedoch scheint Gustav Schickedanz in Fürth fast vergessen. Sein Geburtshaus in der Theresienstraße ist reif für die Abrissbirne, das Willkommensschild am Bahnhof längst abgehängt.

"Seine Quelle" ist bis heute zwar Europas größtes Versandhaus, seit 1999 aber nicht mehr selbstständig, sondern wie der einstige Erzrivale Neckermann Tochter des Karstadt-Quelle-Konzerns. Gegen die Konsumkrise in Deutschland im Allgemeinen und die Krise des Versandhandels im Speziellen findet der Essener Konzern kein Gegenmittel.

Das einst so stolze Unternehmen Quelle ist heute nur ein Schatten seiner selbst. Das Stammhaus an der Fürther Freiheit etwa - 1998 noch pompös als größtes Quelle-Technik-Center gefeiert - bietet Sortimentsallerlei auf billigem Linoleumboden. Lieblos, konzeptlos.

Altgediente Quellianer sind sich sicher: "Gustav Schickedanz hätte auch in dieser Krise reüssiert", sagt Franz Grossbach. Neben ihm sitzt Hans Dedi und nickt: "Absolut!"

Der Streichliste von Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff fiel auch ein Kleinod im Quelle-Verwaltungsgebäude zum Opfer. Über ein Vierteljahrhundert, seit jenem Freitag, dem 25. März 1977, als Gustav Schickedanz dort zusammenbrach, blieb sein Büro im Originalzustand erhalten. Eine Erinnerungsstätte - bis der Räumdienst im vergangenen Jahr kam. "Die Lindenblüten-Madonna, der Patrizierschreibtisch: Alles weg!" empören sich der Generalbevollmächtigte a. D. Grossbach und Ex-Vorstand Dedi.

Die alten Herren sind noch immer fassungslos. Für sie war "die Luft im Raum noch voller Ideen".

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