60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Quelle: „Wollen! Wägen! Wagen!“

Im März 1977 stirbt Gustav Schickedanz. Der Versandhauskönig aus Fürth hat das Handelsgeschäft revolutioniert. Doch weder seine Nachfolger noch seine Heimatstadt ehren sein Andenken.

FÜRTH. "Des Todes rührendes Bild steht nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen." Der Grabstein auf dem Friedhof an der Erlanger Straße in Fürth ist ein mannshoher, vier Meter breiter Block aus Muschelkalk. Die vorwitzigen Spitzen der Bodendecker ziehen sich hoch bis zur Inschrift. Die Worte von Johann Wolfgang von Goethe hat der Verstorbene selbst ausgesucht - kurz bevor einer der größten Pioniere der deutschen Wirtschaft des 20. Jahrhunderts 82-jährig an seinem Schreibtisch zusammenbricht.

Als Gustav Schickedanz am 27. März 1977 stirbt, hinterlässt er nicht nur seine Frau und zwei Töchter, sondern auch 42 000 Mitarbeiter seines Versandhauskonzerns Quelle sowie 99 000 Einwohner der Stadt Fürth, deren heimlicher Stadtvater er war.

Die Beerdigung gleicht einem Staatsakt. Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel spricht letzte Worte. Die evangelische St.-Paul-Kirche ist überfüllt, mit Mikrofonen wird die Messe zu den Trauergästen auf dem Vorplatz übertragen. Die ganze Stadt ist verhängt mit schwarzem Tüll.

Knapp drei Jahrzehnte später ist das Grab zum Todestag frisch geschmückt. Der Gärtner hat wagenradgroße Schalen mit Osterglocken, Tulpen und Traubenkerzen arrangiert.

Ein Blumengruß von Hans Dedi ist auch dabei. Noch gut erinnert sich der 87-Jährige an den "Alten". Dedi, ein Mann mit dichten, dunklen Augenbrauen und kleinen, nach wie vor flinken blauen Augen war mit Schickedanz? Tochter Louise aus erster Ehe verheiratet und übernahm 1977 vom Gründer den Vorstandsvorsitz.

"Gustav hatte den siebten Sinn", sagt Dedi, und senkt seine sowieso schon distinguiert leise Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern: "Gustav hatte den Geschäftssinn."

Wie kein anderer vor oder nach ihm habe er Konsumschübe gespürt. "Gustav hat die Fress-, die Reise- und die Fotowelle nicht nur gespürt, er hat sie in klingende Münzen umgesetzt", erzählt der Manager a. D., der "aus Hochachtung vor seiner Lebensleistung" erst Jahre nach Schickedanz? Ableben in dessen Büro einzog.

Acht Milliarden Mark Jahresumsatz macht Quelle Ende 1977 - und zwar längst nicht nur mit dem 1 000 Seiten starken Wirtschaftswunderkatalog. Schickedanz hat ein Imperium erbaut.

Mit den "Tempo Taschentüchern" der 1933 übernommenen Vereinigten Papierwerke ist die Handelsgruppe Marktführer bei Hygienepapieren. Mit der Nürnberger Patrizier AG-Bräu dominiert Schickedanz das Braugeschäft. Foto-Quelle ist Europas größtes Fotospezialhaus. Ab 1966 markiert am Firmensitz an der Nürnberger Straße in Fürth ein 80 Meter hoher Turm den Führungsanspruch. Bis heute wacht das Firmenlogo, die blaue Schwurhand, über die Stadt - als Industriedenkmal.

Die Anfänge sind bürgerlich und bescheiden. Am Neujahrstag 1895 wird Gustav Schickedanz als erster Sohn der Eheleute Leonhard Schickedanz geboren. Die Eisenbahn zwischen Fürth und Nürnberg ist schon längst nicht mehr die einzige im Deutschen Reich - das Land erlebt einen Aufbruch. Vom Aufschwung profitieren auch die Schickedanz?. Leonhard Schickedanz steigt zum Einkäufer einer Möbelfabrik auf. Die Familie zieht in eine größere Wohnung in der Theresienstraße 23. Die Haushaltsführung bleibt jedoch sparsam. Die Warnung der Mutter, dass "im Pfennig die Mark" stecke, ist dem Sohn noch Jahrzehnte später im Gedächtnis, wenn er sagt: "Die Milliarden stecken im Pfennig."

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