60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
RGW – Gewagt und verloren

Im August 1981 reduziert die UdSSR ihre Erdöllieferungen an die DDR drastisch und leitet damit das Ende des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe" ein. die Planwirtschaft bricht langsam zusammen.

WARSCHAU. Den 27. August 1981 werden Erich Honecker und seine Genossen im Politbüro der SED so schnell nicht vergessen. Leonid Breschnew, der starke Mann des großen Bruders Sowjetunion, teilt ihnen schriftlich mit, dass Moskau im kommenden Jahr die in Rubel zu bezahlenden Erdöllieferungen an die DDR um 2,2 Millionen Tonnen kürzen werde. Das sind fast zehn Prozent weniger als zuvor.

Alles Bitten und Klagen der DDR-Politiker hilft nich viel. Leonid Breschnew bietet der DDR den fehlenden Ölvorrat schließlich für 600 Millionen US-Dollar an. Ein größeres Entgegenkommen kann der Sowjetführer nicht bieten, denn die UdSSR seckt selbst in einer schweren Wirtschaftskrise und braucht jeden Dollar, um damit auf dem Weltmarkt Getreide einkaufen zu können.

Breschnew, der ähnliche Briefe auch an andere osteuropäische "Bruderstaaten" verschickt hat, ahnt nicht, dass er gerade den Anfang vom Ende des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW) einleitet, dem östlichen Gegenstück zum Marshallplan und zur Europäischen Gemeinschaft.

Dabei hatte anno 1950 alles so optimistisch begonnen. Am 29. September schlüpft Walter Ulbricht in die Rolle des Weihnachtsmannes, als er den Arbeitern der Leuna-Werke die frohe Botschaft verkündet. "In diesem Jahr werden die Kinder der Deutschen Demokratischen Republik erstmals seit dem Kriegsende wieder einen vollen Weihnachtsteller erhalten", ruft er in die riesige Werkshalle und genießt dabei den anschwellenden Beifall. Durch die Aufnahme in den RGW, den "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe", werde die DDR künftig mehr Rohstoffe und Lebensmittel einführen können.

Es ist der 29. September 1950. Tags zuvor hatte Moskau grünes Licht für den Beitritt der DDR zur östlichen Wirtschaftsgemeinschaft gegeben. Zu dieser Zeit ist Ulbricht als Generalsekretär der kommunistischen Einheitspartei SED der starke Mann in der DDR. Bewusst wählt er Leuna für seinen Auftritt, weil das dortige Chemiewerk zu den wirtschaftlichen Trümpfen in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone zählt. Ihm ist klar, dass das Werk, das insbesondere Kunstdünger produziert, künftig eine wichtige Rolle im Rahmen des RGW-Handels im gesamten Ostblock spielen würde.

Vor allem aber weiß Ulbricht, dass gerade die Belegschaften großer Betriebe in diesen Nachkriegsjahren unter äußerst schwierigen sozialen Bedingungen leben. Wie in anderen europäischen Ländern auch ist die Wirtschaft der DDR schwer von Kriegsschäden gezeichnet. Doch während die Bundesrepublik und andere westliche Staaten massive Aufbauhilfe durch den amerikanischen Marshall-Plan erhalten, wird die DDR durch Demontagen auf Befehl Moskaus zusätzlich geschwächt. "Damals", erinnert sich der 82-jährige Karl Frenzel aus dem sächsischen Bitterfeld, "haben wir regelrecht gehungert."

So war die Gründung des RGW am 25. Januar 1949 für die stalinistischen Machthaber in Moskau nicht zuletzt auch eine Antwort auf den Marshall-Plan. "Dem Kreml war zu Ohren gekommen, dass sich Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei in Geheimverhandlungen mit Washington um eine Teilnahme am Marshall-Plan bemühten", berichtet Heinrich Machowski, der sich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) lange Jahre mit dem RGW beschäftigte. Diesen Ambitionen von Staaten, die zum sowjetischen Machtbereich zählten, wollte Josef Stalin einen Riegel vorschieben. Heute wissen wir, dass es fast vier Jahrzehnte dauerte, bis dieser Riegel mit dem Zusammenbruch des Sozialismus wieder entfernt wurde.

Der östlichen Zwangsgemeinschaft gehören zunächst die Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien an, später kommen die DDR, Albanien und außereuropäische Staaten wie die Mongolei, Vietnam und Kuba hinzu. Nach der RGW-Gründung jubelt die in Ostberlin erscheinende Berliner Zeitung etwas voreilig: "Wir erleben die Geburtsstunde der internationalen Planwirtschaft."

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