60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Rheinhausen: „Doch platt gewalzt“

160 Tage kämpften die Stahlarbeiter von Rheinhausen für ihr Werk. Vergeblich. 1993 geht der letzte Hochofen aus - die deutsche Stahlbranche aber, sie lebt wieder auf.

DUISBURG. Dieses Gelände. 500 Fußballfelder groß. 265 Hektar. Fast eine Stunde braucht man, um zu Fuß von einem Ende zum anderen zu kommen, vorbei an Eschen und jungen Silberlinden. Dahinter von Baggern platt massierte Fläche, glatt gerieben von Raupen, stellenweise von Unkraut überwuchert. Ab und zu eine Lagerhalle - in Blau, in Grau, seidig schimmernde Quader. Trotz ihrer gigantischen Ausmaße wirken sie verloren. Selbst die Containerbrücken auf der anderen Straßenseite, Ungetüme aus Stahl, kommen fast zierlich daher in der Ödnis und Leere, die sie umgibt.

Das ist geblieben von einhundert Jahren Industriegeschichte - mitten in Duisburg, hier, am linken Ufer des Rheins, der sich windet wie ein Aal, hier in Rheinhausen.

Nichts deutet mehr darauf hin, dass hier eines der größten Stahlwerke Deutschlands stand: die Krupp Hüttenwerke Rheinhausen. 16 000 Menschen gaben sie in den besten Zeiten Arbeit, damals in den 60er-Jahren. Sie produzierten 2,3 Millionen Tonnen Rohstahl im Jahr. Drei Jahrzehnte später reichten für die gleiche Menge 2 300 Beschäftigte.

Vor 18 Jahren, am 19. Mai 1988, beschloss der Krupp-Aufsichtsrat, das Werk zu schließen - eine bittere Niederlage für Tausende Stahlarbeiter. Bis zuletzt hatten sie sich mit aller Macht dagegen gewehrt, zusammen mit der ganzen Region. 160 Tage lang hatten sich die Menschen gegen das Aus für Rheinhausen aufgebäumt, hatten Brücken blockiert, eine Menschenkette gebildet von Duisburg bis Dortmund und Gottesdienste abgehalten im Walzwerk.

Verhindern konnten sie das Ende nicht, nur aufhalten: 1993 verlosch im letzten Hochofen das Feuer.

Bis heute ist Rheinhausen ein Mythos geblieben, das Symbol für den längsten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte, ein nervenaufreibendes Poker zwischen Wirtschaft, Politik und Beschäftigten.

Einen ähnlichen Aufstand gegen die Vernichtung von Arbeitsplätzen wie Ende der 80er in der Stadt, in der TV-Kommissar Horst Schimanski zwischen rostigen Hochöfen und verwaisten Walzanlagen jahrelang Verbrecher jagte, gab es nie wieder.

Ausgelöst hat den Aufstand damals ein schlanker Mann mit einer großen Brille. Auf dem Kopf einen weißen Stahlhelm, so stellt er sich am 27. November 1987 vor die Belegschaft in Rheinhausen. Gerhard Cromme, Chef der Krupp Stahl AG, verkündet das Aus für das Werk - nach 90 Jahren Stahlproduktion. Die Arbeiter reagieren mit Enttäuschung, mit Wut. "Einige schleuderten ihm Eier entgegen", erinnert sich Theo Steegmann, damals stellvertretender Betriebsratsvorsitzender des Stahlwerks. "Dotter tropfte von Crommes Mantel."

Bei den Betroffenen entlädt sich der Frust. Erst zwei Monate zuvor hat Cromme ihnen den Erhalt der Hütte zugesichert, wenn sie dem Abbau von 2 000 Jobs zustimmen. Schon fünf Jahre zuvor hatte das Werk 2 500 Stellen gestrichen.

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