60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Römischen Verträge – Die Überstundenkrise

Im März 1957 unterschreiben Vertreter von sechs europäischen Länder die Römischen Verträge. Sie sind die Geburtsurkunde der Europäischen Union. Gleichzeitig gilt ihre Unterzeichnung als ein außenpolitischer Höhepunkt der Adenauer-Ära. Dabei wäre das Projekt fast an Details gescheitert.

DÜSSELDORF. Jupiter ist nicht gut aufgelegt. Der römische Wettergott lässt es aus Kübeln regnen. Dabei hat sich Rom für diesen Tag so herausgeputzt. Das Ambiente war einzigartig, wird sich später der Ökonom Alfred Müller-Armack erinnern.

Empfänge in der legendären Villa Massimo wechseln sich mit solchen in italienischen Gärten ab. Die Kirchenglocken läuten. Trotz der Ungunst des Wetters säumen Schulkinder mit Fähnchen in der Hand die Auffahrtsstraße zum Kapitol, dem kleinsten, aber bedeutendsten der sieben Hügel des antiken Rom, auf dem einst die Triumphzüge endeten.

Dort oben belagert ein Heer von Reportern und Kameraleuten den Konservatoren-Palast. Sie halten ein historisches Ereignis fest, das sich im größten Saal abspielt: Die Vertreter Frankreichs, Italiens, Belgiens, der Niederlande, Luxemburgs und Deutschlands unterzeichnen die Verträge über die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom).

Sie werden später als die Römischen Verträge in die Geschichtsbücher eingehen und als Geburtsurkunde der Europäischen Union. An diesem Tag, dem 25. März 1957, beginnt eine neue Zeit in Europa: Sechs Länder einigen sich auf eine wirtschaftliche Zweckgemeinschaft, darauf, Handelsbarrieren untereinander abzubauen und eine gemeinsame Zollpolitik zu betreiben. Sie legen das Fundament für etwas, das Stück für Stück, Jahrzehnt für Jahrzehnt zu einem größeren Gebilde heranwächst, zu einer Staatengemeinschaft der 27, die große Teile ihrer Politik gemeinsam gestalten. 13 Mitgliedstaaten haben sogar eine einheitliche Währung.

Für die Bundesrepublik Deutschland unterschreiben an jenem regnerischen Montag vor 50 Jahren Konrad Adenauer und Walter Hallstein die Verträge von Rom. Hallstein ist Staatsekretär im Auswärtigen Amt. Er ist mehr als nur Adenauers rechte Hand, er ist der Kopf der deutschen Europapolitik.

Adenauer hält den Füllfederhalter bereits in der Hand, als ihm die Verträge gereicht werden. Er unterzeichnet sie mit ernstem Gesicht. Und das hat wohl vor allem einen Grund, mutmaßt das Nachrichtenmagazin "Spiegel" später. Adenauer kannte den genauen Wortlaut der Verträge zu diesem Zeitpunkt gar nicht. "Ich weiß nicht einmal, was ich unterschrieben habe", soll er nach der feierlichen Zeremonie gestöhnt haben.

Der Ökonom Müller-Armack, ehemaliges Mitglied der Regierungskonferenz zur Vorbereitung der Verträge, berichtet später: Die Herren hätten nur eine Anlage zum Vertrag unterzeichnet. "Das Übrige war weißes Papier." Denn bis zur letzten Minute sei noch fieberhaft an den Formulierungen gearbeitet worden.

Als schließlich alle Unterschriften geleistet sind und die Herren einander beglückwünschen, löst sich die Anspannung in einem befreienden Lächeln. Es ist vollbracht - trotz aller vorangegangenen Krisen und Rückschläge. Konrad Adenauer dankt der gastgebenden Stadt Rom, vor allem aber dem belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak.

Es ist dieser rundliche, stets temperamentvolle belgische Sozialist, der einen neuen Anlauf unternimmt, die westeuropäischen Kernländer miteinander zu verbinden, nachdem der erste Versuch scheitert: die Europäische Verteidigungsgemeinschaft.

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