60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Schleyer – Der die RAF besiegte

1976 führt Hanns Martin Schleyer die deutschen Unternehmer zum großen Protest gegen die Mitbestimmung. Ein Jahr später ermordet die "Rote Armee Fraktion" den Arbeitgeberpräsidenten.

KÖLN. Noch einmal wollen Deutschlands Unternehmer vor dem warnen, was sie für einen schweren Fehler halten: der Mitbestimmung, die der Bundestag nach einem Jahrzehnt Debatte erheblich ausweiten will. Viele Hundert sind an diesem Tag anno 1976 in die Kölner Messehallen gekommen. Eingeladen hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Hauptredner ist BDA-Präsident Hanns Martin Schleyer.

"Plötzlich flogen die Türen auf, und die IG-Metaller von Klöckner-Humboldt-Deutz stürmten herein", erinnert sich Fritz-Heinz Himmelreich 30 Jahre später. Die Werke von KHD sind gleich nebenan, und die Arbeiter sind gekommen, um den Bossen zu zeigen, was eine Harke ist. Es kommt zum Tumult. Als die Metaller gen Bühne drängen, eilt der stellvertretende BDA-Hauptgeschäftsführer Himmelreich heran, um seinen Präsidenten zu schützen. Das gelingt. Hanns Martin Schleyer kommt davon.

Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber, links gegen rechts, Jung gegen Alt: Nie in der Geschichte der Bundesrepublik wurde um Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik so verbissen gefochten wie in den siebziger Jahren. Manche wie die "Rote Armee Fraktion" maßten sich sogar das Recht zu töten an, und sie übten es auch aus.

Ein Mann steht im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzungen: Daimler-Benz-Vorstand und Unternehmerpräsident Schleyer. Wie kein Zweiter polarisiert er. Durch seine Biografie, weil er offen bekennt, einst überzeugter Nationalsozialist gewesen zu sein. Und durch sein Amt als Präsident der BDA, in das er am 6. Dezember 1973 gewählt wurde.

Schleyer wurde zum Gesicht des hässlichen deutschen Kapitalisten. Und als solcher wurde er im Herbst 1977 von der RAF ermordet.

Der Unternehmer und ehemalige Bahnchef Heinz Dürr, der Schleyer aus gemeinsamen Tagen in Stuttgart gut kannte, sagt heute: "Schleyer wurde weniger ein Opfer seiner Biografie als ein Opfer seiner Ämter und der politischen Umstände."

Und wohl auch der Widersprüche, die er in sich vereinte. Da war Schleyers von Schmissen gezeichnetes Gesicht, das an die düsteren Jahre zu erinnern schien. Aber da war auch das Progressive, das der Mann hinter dem Gesicht sagte, das ihm viele aber nicht abnahmen, weil es nicht zu dem Gesicht zu passen schien.

In manchem war Schleyer seiner Zeit voraus. Er stritt für das Ansehen der Unternehmer und ihre Geschlossenheit, aber eben auch für das Soziale in der Marktwirtschaft. Er legte als erster deutscher Unternehmer in einem Buch sein gesellschaftspolitisches Credo dar. Er stritt für die Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmen - eine Art "Investivlohn".

Auf die politische Bühne tritt Hanns Martin Schleyer im April 1963. Schleyer, Verhandlungsführer der Metall-Arbeitgeber in Baden-Württemberg, ist fest entschlossen, in der Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft nicht einzuknicken. 300 000 Arbeitnehmer lässt er aussperren - es ist die erste Aussperrung in Deutschland seit 1929. In Ländern wie Hessen sind Aussperrungen gar noch per Verfassung verboten. Aber Schleyer fürchtet, ohne Aussperrungen seien die Arbeitgeber dem "Lohndiktat" der Gewerkschaften - die fordern acht Prozent - "hilflos ausgeliefert und zur Kapitulation gezwungen".

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