60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Siemens – Unter Hochspannung

Ein Nachrichtentechnikhersteller, ein Elektrotechnikunternehmen, ein Medizintechnikproduzent: Drei Unternehmen werden im Herbst 1966 zur Siemens AG vereinigt. Ein Traditionskonzern von Weltrang entsteht.

MÜNCHEN. Der 1. Februar 1966 ist ein unerwartet milder Wintertag in München. Ernst von Siemens, Enkel des Firmengründers und unbestrittener Chef über das Siemens-Reich, hat die gesamte Führung des Unternehmens in die Zentrale am Wittelsbacher Platz geladen. Dass es Wichtiges zu sagen gibt, hat sich schon herumgesprochen. Wie wichtig es wird, soll sich bald zeigen. "Die Verbindung der Stammfirmen zu einer Einheit verwirklicht den lange gehegten Gedanken, die Geschlossenheit und Kontinuität in der Führung des großen Unternehmens zu sichern", sagt der 62-Jährige. "Befreit von den bisherigen juristischen Trennwänden erhält das Haus nun eine neue Organisationsform, die dem wachsenden und sich wandelnden Geschäft besser entspricht."

Ernst von Siemens spricht ein klares, schnörkelloses Deutsch, den versammelten Vorstandsmitgliedern und Generalbevollmächtigten ist die Botschaft schnell klar: Aus dem "Haus Siemens" - bislang ein Konglomerat dreier getrennter Unternehmen mit überschneidenden Arbeitsgebieten, mit parallelen Managements und kaum noch durchschaubaren Strukturen - soll zum 1. Oktober 1966 die Siemens AG werden. Es ist die organisatorisch wohl grundlegendste Neuerung in der langen Geschichte des Elektrokonzerns, den Werner Siemens zusammen mit Johann Georg Halske im Oktober 1847 als "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske" in Berlin ins Leben gerufen hat.

Anfang 1966 besteht die Siemens-Familie aus dem Nachrichtentechnikhersteller Siemens & Halske dem Elektrotechnikunternehmen AG und dem Medizintechnikproduzenten Siemens-Reiniger-Werke Es ist vor allem die Person Ernst von Siemens, die diese eigenständig agierenden Unternehmensteile zusammenhält. Er ist der "Chef des Hauses" - das Familienmitglied, das seit Generationen die Kernunternehmen Siemens & Halske und Siemens-Schuckertwerke als Aufsichtsratschef kontrolliert und auch im laufenden Geschäft die Fäden in der Hand hat.

Doch das reicht nicht mehr. Das starke Wachstum der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass immer mehr Arbeiten im Hause Siemens doppelt erledigt werden. Das will Ernst von Siemens schleunigst abschaffen.

Hinzu kommt, dass der Bundestag in Bonn Mitte 1965 das Aktienrecht geändert hat. Die eigentümliche Firmenkonstruktion hätte nun fatale Konsequenzen: Die Siemens & Halske die die Siemens-Schuckertwerke und Siemens Reiniger kontrolliert, müsste einen Beherrschungsvertrag mit den Tochterunternehmen abschließen - wodurch hohe Steuerzahlungen drohen.

Vor allem aber fehlt Ernst von Siemens ein Nachfolger aus der Familie. Er weiß also, dass der "Chef des Hauses" in absehbarer Zeit ein familienfremder Manager sein wird. Auch deshalb beschließt der Patriarch, das Unternehmen neu zu organisieren.

Der Plan dafür ist schon längst geschrieben - von Ernsts Vater, Carl Friedrich von Siemens, der diese Idee Mitte der 30er-Jahre entwickelte. Doch der Zweite Weltkrieg machte diese Pläne zunichte.

Nun also, gut 20 Jahre danach, setzt Ernst von Siemens die Ideen seines Vaters in die Tat um. Formal wird die Siemens AG zum 1. Oktober 1966 ins Leben treten, drei Jahre später schließt der Patriarch die Neuordnung ab. Sie gibt dem Konzern seine Struktur: Über zahlreichen, weitgehend selbstständigen operativen Einheiten stehen die Zentralabteilungen, die beraten, koordinieren, verwalten - und das Selbstverständnis bewahren, das Ernst von Siemens einst so beschrieb: "Sicherheit kann uns das feste Haus nur gewähren, wenn alle, die in ihm arbeiten, heute und in Zukunft die Tugenden bewahren helfen, die uns groß gemacht haben, nämlich Pflichterfüllung, Leistungswillen, Wagemut und Großzügigkeit des Denkens und Handelns."

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