60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
„Sowjetische AGs“ – Die Milliarden-Hypothek

Im April 1952 gab die UdSSR 66 "Sowjetische AGs" an die DDR zurück. Sie waren nur ein Beispiel für die hohen Reparationen der SBZ, die erst heute ans Licht kommen - ein Archivbesuch.

DÜSSELDORF/POTSDAM. Hauchdünn ist das Durchschlagpapier, auf dem die Besatzungsmacht ihre Befehle kundtut. Am 26. März 1946 beschwert sich Generalmajor Fedotow beim Präsidenten der Provinz Brandenburg über den schleppenden Fortgang der Kabeldemontagen. Erst 90 Kisten für den Abtransport seien fertig - statt 2 000. Nur vier Kabeltrommeln statt 1 900. Würde der Plan nicht eingehalten, würden die Verantwortlichen zu "strenger Verantwortung" gezogen, lässt der sowjetische Offizier wissen.

"Und das ist noch eine vergleichsweise milde Drohung", sagt Klaus Jochen Arnold, "für Sabotage an der Demontage konnte die Todesstrafe drohen." Vorsichtig schließt der Historiker die Akte und räumt sie zurück ins Regal im brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam.

Nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur durch die Alliierten 1945 müssen Millionen Deutsche in Ost und West mitansehen, wie sich die Sieger bei den Besiegten entschädigen: Mit Industrieanlagen, Fertigprodukten und Rohstoffen stottern die Deutschen ihre Kriegsschuld ab.

Erst seit einem Jahrzehnt wird immer deutlicher, wie ungleich West- und Ostdeutschland von Reparationen betroffen waren. Angesichts dieser enormen Hypothek wundert es fast, dass die DDR 40 Jahre überlebt hat. Das spricht für die Aufbauleistung der Ostdeutschen, die in gewisser Weise so ihr eigenes "Wirtschaftswunder" vollbrachten.

Während den Westalliierten bald an der wirtschaftlichen Gesundung ihrer Zonen gelegen war und die USA ab 1947 die zukünftige Bundesrepublik mit Marshall-Plan-Geld hochpäppelten, trieb die vom Zweiten Weltkrieg am stärksten verheerte Sowjetunion bis in die fünfziger Jahre ihre Reparationsforderungen mit aller Macht ein. Erst am 29. April 1952, in der 17. Kalenderwoche vor 54 Jahren, gab die UdSSR 66 "Sowjetische AGs" zurück. Der Tag markiert den Anfang vom Ende der Reparationen in der DDR.

Alles beginnt in Potsdam. Im Juli 1945 beraten US-Präsident Harry Truman, Großbritanniens Premier Winston Churchill und Sowjetführer Josef Stalin in Schloss Cecilienhof über das besiegte Deutschland. Die mächtigen drei am eigens für die Konferenz in Moskau hergestellten runden Tisch sind sich einig: Wiedergutmachung muss sein. Auf 20 Milliarden Dollar setzen die drei die Reparationssumme fest. Die UdSSR soll davon die Hälfte erhalten - obwohl Stalin die Schäden seines Landes auf 130 bis 150 Milliarden Dollar beziffert.

Weil die Westmächte fürchten, die UdSSR könnte Deutschland ruinieren, setzen sie eine "zonale" Reparationsregelung durch: Die Sieger sollen sich jeweils in ihren "eigenen" Zonen bedienen. Demontagen heißen im Potsdamer Abkommen "einmalige Entnahmen aus dem Nationalvermögen". Daneben sind "Entnahmen aus der laufenden Produktion" sowie "Arbeitsleistungen" vorgesehen.

Für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) bedeutet das einen Karthago-Frieden. Mit weniger als einem Viertel des deutschen Kapitalstocks muss die SBZ die Hälfte der Reparationen schultern.

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