60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Taz: Ewiger Konkursbetrieb

Seit dem 17. April 1979 erscheint die alternative "tageszeitung" täglich. Eine der chaotischsten und kapitalismuskritischsten Gründungen des Landes ist auch eine der zähesten. Vieles und viele hat sie aber überlebt. Vor allem: sich selber.

BERLIN. Das wär?doch mal was: Der Kameramann lässt in "Sabine Christiansen" seinen Apparat im Stich, stakst auf die Moderatorin zu und bollert los: "Fragen Sie doch ein einziges Mal mit Substanz, zum Beispiel warum Frau Merkel vor kurzem noch ganz anders über die Gesundheitsreform gesprochen hat!" Dann trollt er sich grinsend zurück hinters Objektiv.

Was heute undenkbar ist, eine solche Mischung aus toleriertem Spontitum und kalkuliertem Waterloo, war bei der Berliner "tageszeitung" jahrelang Usus. Missfiel einem Setzer ein seichter Kommentar oder eine läppische Politikerfloskel, fügte er einfach seinen Kommentar in Klammern an: "So ein Weichei!, d. Säzzer."

Seit einigen Jahren haben die Setzer auch bei der "taz" nichts mehr zu vermelden. Genosse Computer und sein Knecht Fotosatz haben ihren Freiheitsraum abgeschnürt. Und ein bisschen geht es auch der "taz" so: Seit seiner Gründung 1978 und seinem ersten regelmäßigen Erscheinen ab dem 17. April 1979, in der 16. Kalenderwoche vor 27 Jahren, erlebte das Szeneforum für Linke, Spontis und Hausbesetzer wilde Berg-und-Tal-Fahrten. Seit Rot-Grün die "taz" zu einer Art Regierungszeitung gemacht hatte, drohte ihr jedoch die permanente Talsohle des Bedeutungsschwundes.

Als erste Gründung einer überregionalen Tageszeitung seit "Bild" im Jahre 1952 ist die "taz" eine der ungewöhnlichsten Unternehmungen der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Vieles und viele hat sie aber überlebt. Vor allem: sich selber.

Geboren wird sie im journalistischen Widerstand. 1979 umweht die Politisierten der eisige Wind des deutschen Herbstes, terroristische Bedrohung versus staatliche Hysterie. Ex-Bürgerschreck Frank Zappa, Säulenheiliger der hanfgestärkten Latzhosenträger, raucht keine Joints mehr, verkleidet sich stattdessen für seine Kundschaft wie für eine biedere Toga-Party als "Sheik Yerbouti".

Die einen radikalisieren sich, die anderen verspießern. Höchste Eisenbahn also für einen Frontalangriff auf die publizistische Friedhofsruhe in Deutschland. Hinfort mit dem öden Sowohl-als-auch.

Am Anfang steht das Wort: Radikale Objektivität durch totale Subjektivität! Frei nach Karl Marxens Befehl, die Philosophie solle die Welt nicht nur interpretieren, sondern verändern, versteht die "taz" Neutralität als Parteinahme für die Starken! "Die ,taz? war damals meine zentrale politische Arbeit", schaut Mitbegründer Christian Ströbele, Anwalt und Grünen-Abgeordneter im Bundestag anno 2006, gerne zurück.

Zum revolutionären Inventar gehört ein fest umrissenes Weltbild, ein Schwarz-Weiß-Denken mitunter, das stets genau weiß, was gut, was böse ist. Vor allem: was böse ist. Denn Kassandra steht bei der Gründung Pate: Der Untergang des Abendlandes ist ausgemachte Sache, deshalb immerwährender publizistischer Antrieb: Imperialismus, Faschismus, Atomenergie, Krieg, Ausbeutung, Ausländerfeindlichkeit, Amerikanismus und - nicht zuletzt - männlicher Chauvinismus. We shall overcome!

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