60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Telekom – „T“ wie Trecker

Im Oktober 1996 geht das Buhlen der Deutschen Telekom um die Gunst der Anleger in die heiße Phase. Deutschland erlebt eine Börsen-Euphorie - und bald eine tiefe Enttäuschung.

BONN. 0130/1996: Es ist so weit. Der breite Schädel von Schauspieler Manfred Krug ist vom Fernsehbildschirm verschwunden, eben brummte er noch: "Die Telekom geht jetzt an die Börse, da geh? ich mit." Da wird die Telefonnummer auf rosarotem Hintergrund eingeblendet. Und ganz Deutschland wählt 0130/1996. Auch Thomas Hoffmann, um sich als Käufer für die neue Aktie vormerken zu lassen. "Teilweise gab es aber stundenlang kein Durchkommen."

Kein Wunder. Manfred Krug animiert bis zu 80 000 Deutsche zum Anruf - in nur einer Stunde. Das Netz ist dicht. "Ich hab? es mal frühmorgens versucht, da hat es geklappt", sagt Thomas Hoffmann. So wurde er ein T-Aktionär der ersten Stunde.

Deutschland anno 1996: Die Menschen sind im T-Fieber. Drei Millionen lassen sich beim Informationsforum der Telekom unter 0130/1996 registrieren - ohne zu wissen, was sie für das Börsenabenteuer zahlen müssen. Manche wollen ihr gesamtes Erspartes in T-Aktien umwandeln. Nie zuvor haben sich so viele Deutsche für die Börse interessiert.

Am 21. Oktober 1996 geht das Buhlen um die Gunst der Anleger in die entscheidende Phase. Der Konzern setzt die Preisspanne auf 25 bis 30 Mark pro T-Aktie fest. Vier Wochen später folgt der krönende Abschluss einer gigantischen Werbekampagne: Mehr als 1,7 Millionen Deutsche kaufen zum ersten Mal Aktien - für 28,50 Mark pro Papier.

Die damals größte Aktienemission der Geschichte bringt der Telekom gut zehn Milliarden Euro ein, und das ist erst der Anfang. Knapp drei Jahre später versetzt der Staatskonzern die Deutschen erneut in ein Aktienfieber, obwohl das Papier da schon fast 40 Euro kostet.

Als Anfang des neuen Jahrtausends die T-Aktie bis auf 104,90 Euro hochschießt, scheint es kein Halten mehr zu geben. Anleger aus aller Welt stürzen sich mit Begeisterung auf die Telekom-Aktien. Mitte 2000, als die dritte Tranche zu 66 Euro herauskommt, ist die Aktie - trotz Warnzeichen an der Börse - klar überzeichnet.

Seither geht?s bergab. Auf etwa ein Zehntel seines Höchstkurses ist das T zusammengesackt.

Lange Zeit ist es vor allem ein Gesicht, das für die Telekom, für die T-Aktie stand - das von Ron Sommer, von 1995 bis 2002 Vorstandsvorsitzender. Früher nannte man ihn mal einen Popstar, heute gilt er als Vernichter eines Volksvermögens. Sommer ist es, der die Telekom verändert hat wie kein anderer. Mit ihm hat die T-Aktie die größten Ausschläge erlebt - nach oben wie nach unten.

Ein knappes Jahr vor dem ersten Börsengang: Ron Sommers Ski-Urlaub endet jäh. "Herr Sommer, ein frohes neues Jahr wünsche ich Ihnen, aber es fängt nicht gut an", meldet Pressechef Jürgen Kindervater Anfang 1996 nach Vorarlberg, Sommers Winterdomizil. Die Kunden laufen Sturm gegen die Telekom - aufgebracht durch eine Panne im Softwareprogramm, das den Neujahrstag zum teureren Werktagstarif abrechnete, sowie eine Tarifreform, die das Ortsgespräch verteuerte. Europas größter Telekomkonzern steht als Abzocker da. Zehntausende lassen ihrem Frust freien Lauf. Die "Bild"-Zeitung startet eine Postkartenaktion, in der sich die Leser an den "sehr geehrten Herrn Dr. Sommer" wenden sollen.

"Die Postkarten stapelten sich in meinem Vorzimmer bis zur Decke", wird der Empfänger später erzählen. Und das sind noch die zurückhaltenden Kunden, die ihren Unmut so kundtun. Sommer: "Es gab noch deutlich heftigere Reaktionen: zerstörte Telefonzellen, Morddrohungen."

Seite 1:

Telekom – „T“ wie Trecker

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%