60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Treuhand – Ein Ding der Unmöglichkeit

Im August 1994 beginnt die Abwicklung des wohl größten deutschen Unternehmens der Geschichte: der Treuhand. Jahre später gibt es sie immer noch.

BERLIN. Februar 1990, Konferenzcenter des Palasthotels an der Spree, Berlin. Detlev Karsten Rohwedder und Christa Luft, stellvertretende Ministerpräsidentin der noch existierenden DDR, streiten vor großem Auditorium über die Reformfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft. Die Debatte im überfüllten, stickigen Saal endet mit einer in Tränen aufgelösten Politikerin (Ost) und einem siegreichen Abgang des Managers (West).

Knapp drei Monate sind vergangen, seit die Mauer fiel. Luft hofft noch auf einen dritten Weg. Rohwedder, Chef des Stahlkonzerns Hoesch, glaubt bloß, dass "der ganze Ramsch 600 Milliarden D-Mark wert ist". Wie schwierig die Privatisierung einer Staatswirtschaft ist, das ahnt der spätere Präsident der Treuhandanstalt wohl schon. - Rohwedder wird Recht behalten.

Noch nie war eine Kommandowirtschaft wie die der DDR in eine Marktwirtschaft umgebaut worden. Niemand hatte Pläne für ein derart gigantisches Projekt mit 16 Millionen Bürgern und Tausenden Betrieben gemacht. Was für eine Herausforderung für das Land - und für Rohwedder selbst.

"Das Unmögliche wagen" betitelten Wissenschaftler wie Herbert Hax und Hans Karl Schneider schon ihre Zwischenbilanz 1993.

Unmöglich? Vielleicht. Nur: Gab es eine Alternative?

Im Mittelpunkt einer der größten Unternehmungen der deutschen Wirtschaftsgeschichte steht die Treuhandanstalt. Vier Jahre lang war sie der größte Staatskonzern, den es je auf deutschem Boden, möglicherweise sogar weltweit gab: vier Millionen Beschäftigte, 14  000 Unternehmen. Und sie hinterließ das größte Defizit, das wohl je ein Konzern produzierte: 110 Milliarden Euro.

Am 9. August 1994, in der 32. Kalenderwoche vor zwölf Jahren, verabschiedete der Bundestag das Gesetz, das die Treuhand begrub. Doch sie lebt bis heute.

Das Palast-Hotel mit dem sozialistischen Einheits-Chic ist längst abgerissen. Vom gegenüberliegenden Palast der Republik, dem Ex-Sitz der DDR-Regierung, ragt noch ein rostendes Skelett in den Himmel. Symbole verschwinden, die Geschichte aber bleibt.

Und sie wird sorgsam aufbewahrt. Zehn Kilometer Richtung Nordosten ist die Treuhand-Story zu besichtigen, in Marzahn, einst sozialistische Vorzeige-Trabantenstadt für viel beschäftigte Werktätige, heute kapitalistischer Problem-Kiez mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

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