60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte: Vollbeschäftigung: Vergangen und vorbei

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Vollbeschäftigung: Vergangen und vorbei

Zum ersten Mal seit dem Wirtschaftswunder steigt die Zahl der Arbeitslosen 1975 erstmals über die magische Marke von einer Million. Was anfangs aussieht wie ein kurzfristiges Konjunktur-Problem, entpuppt sich als jahrzehntelanges Dauerthema: Seit Mitte der siebziger Jahre entstehen im Aufschwung stets weniger neue Jobs als vorher verloren gegangen sind.

DÜSSELDORF. Auf den langen Fluren des Arbeitsamts zu München herrscht Ausnahmezustand. Wer sich arbeitslos melden will oder mit einem Vermittler sprechen möchte, muss stundenlang warten. "Das ist hier das reinste Irrenhaus", stöhnt eine Mitarbeiterin der Behörde. "Wenn wir überhaupt noch durchkommen wollen, muss alles hopphopp gehen."

Nicht anders ist die Situation in Saarbrücken: "Völlig überlastet" sei das Arbeitsamt, berichtet eine Vermittlerin. "Drei Leute müssen manchmal 600 Arbeitslose betreuen."

Willkommen in Deutschland zu Jahresbeginn 1975. Die Bundesrepublik steckt in der schwersten Wirtschaftskrise ihrer Geschichte: Innerhalb weniger Monate hat sich die Arbeitslosigkeit verdoppelt. Mitte 1974 waren noch weniger als 500 000 Menschen ohne Job - nur ein halbes Jahr später überschreitet ihre Zahl die Grenze von einer Million. Im Februar 1975 sind 1 184 000 Menschen arbeitslos gemeldet, so viele wie noch nie seit Beginn des Wirtschaftswunders in den 50er-Jahren. Hinzu kommen noch 957 000 Kurzarbeiter.

Besonders schlimm ist die Lage im Ruhrgebiet: Hier klettert die Arbeitslosenquote - im Bundesdurchschnitt bei vier Prozent - auf unerhörte 5,2 Prozent.

Aus heutiger Sicht wären solche Zahlen paradiesisch. Ökonomen würden es wohl fast Vollbeschäftigung nennen. 1975 verursachen die Zahlen im Land einen Schock. NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn spricht von "Horrordaten". Und sein SPD-Parteifreund, Bundesfinanzminister Hans Apel, sorgt sich gar um die politische Stabilität der Republik: "Wie kann das Land Arbeitslosenzahlen verkraften, an die es nicht gewöhnt ist?"

Selbst der Sachverständigenrat schreibt über die "Krise der Marktwirtschaft". Zwei von drei Bundesbürgern haben 1975 Angst, ihren Job zu verlieren - ein Nachrichtenmagazin illustriert seine Berichte über den Arbeitsmarkt mit Fotos der "Großen Depression" Anfang der 30er-Jahre.

Es ist eine Zäsur von historischem Ausmaß, die die deutsche Wirtschaft im Winter 1975 erlebt: In wenigen Monaten geht die Ära der Vollbeschäftigung zu Ende. Nach rund 20 Wirtschaftswunderjahren nimmt eine Entwicklung ihren Anfang, die Arbeitsmarktforscher Jahrzehnte später als "Treppenfunktion" bezeichnen werden. Anders als in früheren Wirtschaftsflauten sinkt die Arbeitslosigkeit in Deutschland zwar im späteren Konjunkturaufschwung wieder - doch es entstehen stets weniger neue Jobs, als zuvor verlorengingen.

"Während der Aufschwung der Produktion 1976 wieder einsetzte, blieb das frühere Niveau der Vollbeschäftigung von nun an unerreichbar. Zum ersten Mal hatte sich die Zahl der Arbeitsplätze auf Dauer vermindert", bilanziert der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Buch "Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945".

Ein Trend ist geboren. 1982 fällt die Zwei-Millionen-Hürde bei der Arbeitslosigkeit, 1992 ist die dritte Million voll, 1994 die vierte. Anfang 2005 steigt die Zahl der Arbeitslosen gar auf über fünf Millionen. Zwar handelt es sich dabei vor allem um einen statistischen Effekt, weil im Zuge der Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Koalition erstmals auch arbeitsfähige Sozialhilfe-Empfänger als Arbeitslose gezählt werden. Dennoch ist es vor allem die Zahl von fünf Millionen Arbeitslosen, die Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Herbst 2005 sein Amt kosten wird.

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