60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Vorwärts per „Retrognose“

1969 kündigt Walter Ulbricht an, die DDR werde die Bundesrepublik wirtschaftlich "überholen". Doch da ist längst klar, dass die zentrale Planwirtschaft scheitern muss.

POTSDAM. Mit "rasendem Jubel" und "grenzenloser Begeisterung" nehmen die 1 565 Delegierten in der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin den Beschluss auf, der die deutsche Wirtschaftsgeschichte neu schreiben soll. Von nun an sollen alle alles bekommen, was sie brauchen. Der Staat würde die Wirtschaft zentral führen, für jeden mitplanen, niemanden vergessen.

"Wie oft wurde vom Sozialismus gesprochen. Jetzt, zum ersten Mal in der deutschen Geschichte, wird dieses große Ziel der Menschheit auf deutschem Boden in die Tat umgesetzt", jubelt das "Neue Deutschland". Der "deutsche Boden" ist der Boden der DDR.

Parteichef Walter Ulbricht ist es höchstpersönlich, der auf der 2. Parteikonferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) am 9. Juli 1952 vorschlägt, den Sozialismus in der DDR "planmäßig" aufzubauen. Ein größeres wirtschaftspolitisches Experiment hat Deutschland noch nicht gesehen wie das, was Ulbricht und die SED in der 28. Kalenderwoche vor 54 Jahren ausrufen. Und kein Experiment war wohl lehrreicher - durch sein Scheitern. Machbarkeitswahn und Misstrauen in den Markt können die "unsichtbare Hand" von Adam Smith nicht ersetzen, die in der Marktwirtschaft für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage sorgt.

Da hilft auch alles Nachjustieren und Reformieren der Planwirtschaft nichts, deren sich die SED-Oberen fast vier Jahrzehnte lang befleißigen. Die DDR bricht 1989 auch deswegen zusammen, weil ihr Wirtschaftssystem nicht funktioniert, weil es nie funktionieren konnte.

Einer, der das Scheitern der geplanten Wirtschaft als DDR-Bürger und Ökonom miterlebt hat, ist André Steiner. Der 47-Jährige sitzt in seinem Büro im Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Nach der Wende habilitierte er sich an der Universität Mannheim und verfasste zwei Standardwerke zur Wirtschaftsgeschichte der DDR. 1952? Ulbricht "hat gewusst, das die Wirtschaft das entscheidende Feld für die staatliche Existenz der DDR war", sagt Steiner. Dem SED-Chef war klar, dass die zentrale Planwirtschaft funktionieren musste, sollte die DDR überleben.

Also schafft Ulbricht eine mächtige Mega-Behörde, die 1989 2 000 Mitarbeiter hat: die Staatliche Plankommission. Der Vorsitzende der SPK hat Ministerrang und ist Stellvertreter des Regierungschefs. Sitz ist das ehemalige Reichsluftfahrtministerium in der Wilhelmstraße in Berlin. Heute residiert dort Bundesfinanzminister Peer Steinbrück.

Als Ulbricht die Planwirtschaft verkündet, hat sie längst begonnen. 1949/50 hat die DDR den ersten Zweijahresplan verabschiedet, ab 1951 gilt der erste Fünfjahresplan. Rasch muss die SPK einsehen, dass sie zwar formal eines der Machtzentren im Staat ist, sich aber die wirtschaftliche Realität ihren Plänen kaum beugen mag: Sie ist einfach zu komplex. Das Planverfahren wird zu einem bürokratischen Albtraum. Auf der Basis der Ergebnisse des laufenden Jahres plant die SPK den Produktionszuwachs für das nächste Jahr. Genehmigt werden musste jeder einzelne Plan vom SED-Politbüro.

Akzeptieren die Betriebe den ersten Planvorschlag nicht - was die Regel ist, - geht er zurück nach Berlin. "Im Extremfall", erzählt Historiker Steiner, "wanderte der Plan fünf bis sieben Mal hin und her". Die Betriebe streben stets nach "weichen Plänen", die leicht überzuerfüllen sind. Denn dann gibt es Leistungsprämien, die im Jahr bis zu 70 Prozent des Monatslohns ausmachen können.

Erschwerend kommt hinzu, dass für jede Planänderung auch die "Bilanzen" der Rohstoffe und Vorprodukte angepasst werden mussten. Selbst für ein einfaches Produkt wie Schuhe muss der Plan also nicht nur festlegen, wie viel Sommer-, Winter-, Damen- oder Herrenschuhe hergestellt werden sollen, sondern auch sicherstellen, dass Rohstoffe wie Leder ausreichend und rechtzeitig geliefert werden - was häufig nicht gelang.

Seite 1:

Vorwärts per „Retrognose“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%