60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Wirtschaftskrise: Der Tag der Kandidaten

Wirtschaftskrise 2009: Eine Grundsteinlegung in Thüringen, eine Betriebsversammlung in Wolfsburg. Ein Vormittag, zwei Termine, ein Fernduell – beherrscht von einer Frage: Wer versteht mehr von Wirtschaft, wer macht Mut: Merkel oder Steinmeier?

WOLFSBURG/ARNSTADT. Betonsäulen und zwei Kräne ragen in die dunklen Wolken, ausgerechnet heute wollen sie keine Sonne durchlassen. Es bläst gewaltig, ein Bagger steht in aufgewühlter Erde, die Schaufel weit von sich gestreckt. Angela Merkel läuft forsch auf die Baustelle zu und verströmt gute Laune. In Krisenzeiten hat selbst ein trostloses Baustellenbild wie dieses etwas Tröstliches. Hier entsteht Neues, wird aufgebaut, investiert, geschafft, wo alle nur von der Krise reden.

Die Kanzlerin tut, was man von ihr erwartet, sie versenkt eine handtellergroße Solarzelle in einem sargähnlichen Grundstein aus Beton, der Polier spricht gute Wünsche aus und reicht ihr eine Kelle voller Sand.

Dann sagt Merkel, was keiner erwartet. "Warum gibt's hier nur Sand, ich dachte, man macht das mit Mörtel?" Der Polier, ein vom Wetter gegerbter Mann in traditioneller Handwerkermontur aus Cord, schaut verdutzt.

"Ja, ich kenn' mich aus", sagt Merkel lächelnd, "ich hab' das in der Schule gelernt." Merkel zuckt mit den Schultern und schleudert den Sand gekonnt auf den Beton. Blitzlichter zucken, die Kameras surren.

Es sind Bilder, wie sie jeder Politiker gern produziert.

Sie vermitteln Tatkraft. Die Kanzlerin, die zur Stelle ist, wenn eine neue Fabrik entsteht, wenn künftige Erfolge vorbereitet werden. In Arnstadt, einer dieser im Kern mit viel Liebe zum Detail restaurierten, aber leblosen Kleinstädte im Osten Deutschlands, legt Merkel den Grundstein für eine neue Fabrik für Solarzellen. Die Bosch-Group und ihre Solar-Tochter Ersol investieren hier bis 2012 rund 530 Millionen Euro, 1 100 neue Arbeitsplätze soll es geben.

Es sind Bilder, die selten geworden sind in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Und Merkel ist nicht die Einzige, die diese Bilder nun dringend braucht. Es ist der Vormittag eines Duells, eine Doppelinszenierung. Die Große Koalition, das war gestern. An diesem Dienstag geht es schon darum, wer nach der Bundestagswahl im Herbst im Kanzleramt sitzt.

Am Wolfsburger Bahnhofsvorplatz stehen die Limousinen bereit. Auf dem Weg zur Volkswagen-Werkshalle liest Frank-Walter Steinmeier noch einmal sein Redemanuskript durch. Heute muss er bei den Arbeitern punkten. Er will ein klares Signal ins Land senden, an die, die ihn wählen sollen - und an Merkel.

Das VW-Werksgelände ist dafür ein guter Ort. VW ist der wichtigste Arbeitgeber Niedersachsens, und zu dieser 207. Betriebsversammlung kommen 15000 VW-Mitarbeiter. So viele Menschen kann ein deutscher Politiker allein nie auf eine Wahlkampfveranstaltung locken. Steinmeier geht es um die Frage, wie viel Staat nötig ist, um den Weg aus der "schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg" zu finden. Steinmeier sagt nicht Staat, sondern Verantwortung, das klingt besser.

Halle 11 ist so lang wie der Berliner Hauptbahnhof. Arbeiter lehnen rauchend an Stahlrollen, aus denen die Bleche für all die Volkswagen werden. Auf einer Bühne sitzen links vom Rednerpult die Arbeitnehmervertreter, rechts die Arbeitgeber.

Steinmeiers Namensschild steht auf der linken Seite. Symbolik zählt in diesen Tagen.

Die Mitarbeiter werden Steinmeiers Rede im letzten Winkel über acht Fernseher und vier Großleinwände verfolgen können.

VW ist auch deshalb eine gute Gelegenheit für Steinmeier, weil er hier mal sehr grundsätzlich werden kann. Staat und Staatsbeteiligung, Verantwortung, Arbeitsplätze.

Dem Land Niedersachsen gehören ein Fünftel der Konzernanteile an VW und die sogenannte goldene Aktie. Die SPD nutzt die Ordnungspolitik schon seit einiger Zeit, um sich als Anwalt der Arbeitnehmer in Szene zu setzen.

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