60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Zündholzmonopol – Feuer und Flamme

Am 15. Januar 1983 fällt in Deutschland das Zündholzmonopol, eines der letzten Staatsmonopole. Die Geschichte der Branche liest sich wie ein Krimi.

HB MECKESHEIM. Mittags schon liegen die ersten frei gehandelten Zündhölzer in bayerischen Geschäften, abends auch in Hessen, Baden und Rheinland-Pfalz. Ihr Ladenpreis ist über das Wochenende um 35 Prozent gefallen, denn das Zündholzmonopol ist endlich Geschichte.

"Nicht nur die Marktgesetze haben sich geändert", sagt Müller heute, "für uns hat schon damals die Globalisierung begonnen".

Tatsächlich geht an jenem Januartag 1983 eine Epoche zu Ende, doch das Land nimmt davon kaum Notiz. Die Republik debattiert über die Startbahn West am Frankfurter Flughafen und die vorgezogene Bundestagswahl nach dem Machtwechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl. Und Sony präsentiert den ersten CD-Spieler - eine echte Sensation.

Was sind schon Zündhölzer dagegen? Vor allem, wenn es über fünf Jahrzehnte keine anderen geben durfte als die in einer gelben Schachtel steckende "Haushaltsware" und die dunkelblau verpackten "Welthölzer". Jede Gründung einer Zündholzfabrik ist verboten. Nicht mal das Mitbringen von Streichhölzern als Souvenir "über den persönlichen Bedarf hinaus" ist erlaubt. So hat es das Reichswirtschaftsministerium noch zu Weimarer Zeiten bestimmt.

Nun aber ist der Markt frei, und Jörg Müller macht sich daran, ihn zu erobern. Er kennt die Branche. Die nordbadische Familie stellt seit Jahrzehnten Streichhölzer her, aber die großen Gewinne steckte seit 1930 die Firma eines deutschstämmigen Schweden ein, Ivar Kreuger.

Kreuger schwingt sich nach Ende des Ersten Weltkriegs zu einem der geschicktesten Finanzjongleure und fintenreichsten Unternehmer der Welt auf. In den 20er Jahren umfasst sein Imperium Goldminen, die Telefonfirma Ericsson, große Teile der schwedischen Papierindustrie und zwei Drittel der internationalen Streichholzproduktion. Letztere, die "Svenska Tändsticks Aktiebolaget", hat er von seinem Vater geerbt. Die Zündholzbranche hat es Kreuger besonders angetan. In Deutschland kauft er in den 20er Jahren mehrere Konkurrenten auf. Eines Tages erscheint er auch im badischen Meckesheim bei der Firma Müller.

Jörg Müller, heute 71 Jahre alt, erinnert sich daran, als wäre es erst vor zwei Wochen gewesen. Der langjährige Vizepräsident der IHK Mannheim ist ein hagerer Mann mit einem fast faltenlosen Gesicht und wachen, freundlichen Augen. Müller erzählt: "Kreuger sagte meinem Vater Karl gerade noch ,Guten Tag?, ehe er zur Sache kam: ,Was ist ihre Firma wert? Ich bezahle Ihnen das Doppelte.?"

Karl Müller weiß: Ihm steht ein Riese gegenüber. Kreuger beherrscht damals 65 Prozent des deutschen Zündholzmarkts. 220 Außendienstler, "Reisende" genannt, tragen seine Produkte in jeden Winkel der Republik. "Das war in dieser Zeit absolut revolutionär. Kreuger war ein brillanter Verkäufer", berichtet Jörg Müller aus den Erzählungen seines Vaters.

Der lehnt das Übernahmeangebot schließlich ab. Wenig später aber muss er doch eng mit Kreuger zusammenarbeiten. Das Finanzgenie aus dem Norden unterhält beste Kontakte zu Banken und Regierungen.

Als Europas Nationen in Folge der großen Depression von einer Finanzkrise in die nächste taumeln, ist Kreuger zur Stelle. Er bietet Großkredite an und verlangt im Gegenzug Aufträge für seine Unternehmen. Ein Milliarden-Dollar-Deal mit Sowjetführer Josef Stalin scheitert 1927 erst im letzten Moment.

Mit Deutschland indes wird sich der Schwede, dessen Familienname ursprünglich Kröger lautete und der aus Wismar stammt, handelseinig. Nur Wochen nach dem Schwarzen Freitag im Oktober 1929, als die Aktienmärkte kollabieren, vermittelt er der klammen Weimarer Republik eine Anleihe über 125 Millionen Dollar. Im Gegenzug bekommt er für die Tilgungsdauer das Monopol auf Zündhölzer in Deutschland.

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