60 Jahre soziale Marktwirtschaft
Nach Wohlstand nun Bildung für alle

In Angela Merkels Büro im Konrad-Adenauer-Haus hängt ein Porträt von Ludwig Erhard, dem Vater des Wirtschaftswunders. Doch was zählen seine Botschaften noch im Sturm der Globalisierung?

BERLIN. Lucius D. Clay, der stämmige Chef der US-Militärregierung, wollte im Juni 1948 mit der D-Mark zwar eine neue Währung in den drei Besatzungszonen der West-Alliierten einführen, ansonsten aber kaum etwas ändern. Ein gemütlich wirkender Zigarrenraucher aus dem Fränkischen allerdings hielt das für zu wenig: Zeitgleich mit der Ausgabe der D-Mark, so die radikale Forderung, sollten im kriegszerstörten und von Mangelwirtschaft geprägten Westdeutschland auch alle Preisbindungen aufgehoben werden.

Es war kein Geringerer als Ludwig Erhard, der Clay damals mit seiner Vision von der sozialen Marktwirtschaft in Verlegenheit brachte. "Alle meine Berater sagen mir das Gegenteil", erwiderte der US-General noch im Juni 1948 dem deutschen Nationalökonomen. "Meine Berater meinen das auch", entgegnete Erhard trocken - und setzte sich schließlich durch.

Die Einführung der D-Mark und die Aufhebung der staatlichen Preisbindungen vor 60 Jahren waren der Startschuss für das deutsche Wirtschaftswunder und die Grundlage für den atemberaubenden Wiederaufstieg des Landes nach der zweiten Weltkriegskatastrophe.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am morgigen Donnerstag bei einer Festveranstaltung im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin an Ludwig Erhard und diese Geburtsstunde der sozialen Marktwirtschaft erinnert, soll der Blick aber weniger zurück als vielmehr nach vorne gerichtet werden.

Die Kanzlerin spürt, dass das Vertrauen der Deutschen in eine freie Wirtschaftordnung im scharfen Wind der Globalisierung arg gelitten hat - vor allem im Osten. Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland, Billigkonkurrenz, Reallohnverlust, Finanzkrise und Modernisierungsängste sind die gängigsten Stichworte. Sie können leicht in eine Akzeptanzkrise münden.

Aufgeheizt wird diese zunehmend skeptische Stimmung gegenüber der freien Marktwirtschaft noch durch die jüngsten Skandale bei Siemens oder der Telekom oder durch die Gier einzelner Top-Manager wie Klaus Zumwinkel.

Merkel fürchtet diese Entwicklung und beobachtet sie deshalb genau. Nicht nur die Linke unter Oskar Lafontaine, sondern zunehmend auch ihr in Not geratener Koalitionspartner SPD suchen politische Zustimmung, indem sie "die Schwachen" um sich scharen und gegen "die Starken" positionieren. Selbst an der Union, vor allem an der um Wähler kämpfenden CSU, gehen solche Entwicklungen mittlerweile nicht mehr spurlos vorbei.

Wie aber soll Ludwig Erhard da Orientierung geben? Ein Ökonom und Politiker, der trotz mancher Vision letztlich doch noch stark in den Grenzen nationaler Wirtschaftsräume dachte und die Dynamik der Globalisierung kaum vorausahnen konnte?

Es war die mit der sozialen Marktwirtschaft erstmals eröffnete Chance, dass jeder Bürger in Deutschland einen Einstieg in das Wirtschaftsleben und auch einen Aufstieg erreichen konnte, wenn er denn wollte. Diese jedem offen stehende Möglichkeit des Einstiegs und Aufstiegs besteht heute in der Globalisierung nicht mehr in dieser Ausprägung, glauben laut Umfragen inzwischen weite Teile der Bevölkerung.

Hier will Merkel ansetzen. Ihre Rede zu 60 Jahre soziale Marktwirtschaft in Deutschland soll weder den Pioniergeist der Nachkriegszeit verklären noch Erhard als CDU-Politiker besonders herausstellen. Bei dem Festakt werden deshalb neben der Kanzlerin und Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) auch Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und Ex-Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer sprechen, der als junger Mann für Erhard gearbeitet hatte.

Ein zentrales Anliegen der Kanzlerin ist die Übertragung von Erhards Ziel "Wohlstand für alle" in die heutige Zeit. Von der politischen Prioritätenliste ihrer Regierung will Merkel deshalb nicht die Reizthemen "Wettbewerb gegen Verteilungsgerechtigkeit" oder "Entlastung der Bürger statt Haushaltskonsolidierung" herausgreifen, sondern das Thema Bildung. Aus "Wohlstand für alle" könnte so frei nach Merkels modernisiertem Erhard-Bild das Motto "Bildung für alle" werden. Nur mit ausreichender Bildung, so der rote Faden ihrer Rede, könne heute noch jeder Bürger die Chance auf einen Einstieg und auch auf einen Aufstieg im Wirtschaftsleben ergreifen.

Spannend wird die Frage, ob die Kanzlerin dann auch die auf 16 Bundesländer verteilte Kompetenz für Bildungsfragen stärker an sich ziehen will. Das Grundgesetz steht dagegen, und ob sich zum 60. Jahrestag der Marktwirtschaft eine Zweidrittelmehrheit für eine Änderung finden wird, darf bezweifelt werden. Vorbild Ludwig Erhard jedenfalls schaut Merkel streng über die Schulter - in Öl gemalt im Büro der CDU-Vorsitzenden im Konrad-Adenauer-Haus.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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