72-Stunden-Frist
Napster muss Urheberrecht durchsetzen

Die Musik-Tauschbörse Napster muss alle urheberrechtlich geschützten Titel innerhalb von 72 Stunden von ihrem System löschen. Das verlangt die einstweilige Verfügung des Gerichts in San Francisco.

DÜSSELDORF. Eine Sprecherin der Recording Industry Association of America (RIAA) sagte am Dienstag in Los Angeles, die Anwälte der Musikindustrie hätten die Einstweilige Verfügung in der Nacht zum Dienstag erhalten. Sie trete mit sofortiger Wirkung in Kraft. Napster wollte das Urteil zunächst nicht kommentieren.

Die 72-Stunden-Frist beginnt in dem Augenblick, in dem die Industrie Napster die Daten der zu sperrenden Musikstücke zugestellt hat. Auch aus Tarnungsgründen umbenannte Dateien müssen gesperrt werden, sobald Napster Grund hat anzunehmen, dass Copyrightverletzungen vorliegen. Napster Inc. hat nach eigenen Angaben bereits am Sonntag mit der Blockierung geschützter Musikdateien begonnen.

Im Schlichtungsverfahren vor Gericht hatten sich die Parteien noch nicht darüber einigen können, wer das Filtersystem zu überwachen habe. Richterin Patel teilte diese Aufgabe nun unter den Parteien auf. Napster muss für die Entfernung sorgen, die Musikindustrie muss Napster mit den notwendigen Informationen versorgen (Titel, Interpret, Filename), um sie in die Lage zu versetzen, die Löschungen vorzunehmen.

Bei den 60 Millionen Nutzern wächst derweil der Ärger über die geplanten Einschränkungen. In Musikforen im Internet wird verstärkt zum Boykott aufgerufen und auf Alternativen wie Gnutella oder Aimster hingewiesen. Netze wie Gnutella (www.gnutella.com) sind dezentral und ohne feste Unternehmens-Server (wie Napster) organisiert und deshalb kaum zu kontrollieren. Sie sind auch nicht von der jüngsten Klagewelle des US- Musikverbandes RIAA betroffen, der Internet-Provider aufgefordert hat, zum Musiktausch verwendete Server vom Netz zu nehmen. Schärfster Konkurrent dürfte derzeit Aimster (www.aimster.com) sein. Aimster hat sich gerade erst zu einem geschlossenen Netz (Virtual Private Network) erklärt und eine Verschlüsselung eingeführt. So sei man vor Nachstellungen der Musikindustrie sicher, da das Digital Millenium Copyright Act (DCMA) verbiete, verschlüsselte Kommunikation zu dechiffrieren (s. Artikel unten).

Am Dienstag war von der Filterung noch wenig zu merken. Gegen 19.00 Uhr deutscher Zeit verzeichnete die Web-Seite rund 1,6 Mill. tauschbereite Files mit rund 6,7 Gigabyte Volumen. Samstag Nacht, nach der Ankündigung der Filterung, waren gegen 23:45 Uhr rund 2,2 Mill. Files mit über 10 Gigabyte Volumen online. Zufällig ausgewählte Lieder bekannter Pop-Größen ließen sich weiterhin problemlos laden.

Die Musikindustrie, die am Freitag ein Friedensangebot von Napster abgelehnt hatte (1 Mrd. $ Lizenzgebühren, verteilt auf fünf Jahre), zeigt auch weiterhin wenig Bewegung. Vivendi-Universal Chef Jean-Marie Messier, der zusammen mit Sony einen Download-Dienst starten will, bekräftigte bekannte Positionen. Er sei vielleicht bereit, Musik über Napster zu verkaufen, wenn bewiesen sei, dass das Urheberrecht eingehalten werde und das System zuverlässig sei. Von den Großen der Branche kooperiert bisher die BMG, Tochter der Bertelsmann AG, mit Napster. Bertelsmann will bei Napster die Mehrheit übernehmen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%