72 000 Afghanen halten sich in Deutschland auf: Größte Afghanen-Gemeinde Europas lebt in Hamburg

72 000 Afghanen halten sich in Deutschland auf
Größte Afghanen-Gemeinde Europas lebt in Hamburg

Alles fing an mit dem Teppichexport: Afghanische Teppichhändler lagerten ihre Ware im Hamburger Freihafen, gründeten Kontore und ließen sich zu diesem Zweck in der Hansestadt nieder. Heute spielt der Handel mit afghanischen Teppichen kaum noch eine Rolle.

DÜSSELDORF. Dennoch ist die Hamburger afghanische Gemeinde nach wie vor die größte in Europa: Rund 18 000 Afghanen leben in Hamburg, dazu kommen weitere 4 000 Deutsche afghanischer Abstammung.

Zentren der afghanischen Bevölkerung gibt es auch in anderen deutschen Großstädten, sagt Yahya Wardak, Leiter des Afghanistan Information Centrums in Hamburg und Mitarbeiter am dortigen Tropeninstitut - etwa in Frankfurt, im Ruhrgebiet, in München oder im Raum Köln/Bonn. Aber keine Gruppe ist so groß wie die in Hamburg. Insgesamt leben etwa 72 000 Afghanen in Deutschland, berichtet Bernd Knopf, Sprecher der Bundesausländerbeauftragten - "der überwiegende Teil davon mit verfestigtem Aufenthaltsstatus". Über eine Aufenthaltserlaubnis verfügen rund 40 000, der Rest befindet sich entweder im Asylverfahren oder genießt Duldungsstatus.

Organisationsgrad der Afghanen in Deutschland ist gering

Die afghanische Bevölkerung ist keineswegs homogen. Wardak unterscheidet drei Gruppen: Die erste - "eine kleine Minderheit" - pflegt eine "islamisch-afghanische Mikrokultur", ist kaum integriert und spricht so gut wie kein Deutsch. "Die sitzen auf gepackten Koffern", so Wardak. Dann gebe es eine Gruppe der voll Integrierten, deren Anteil Wardak auf etwa 40 % schätzt. "Die wollen nicht mehr viel von Afghanistan wissen." Schließlich - und dieser Gruppe zählt sich Wardak selbst zu - gebe es eine dritte Gruppe. Das seien Menschen, die zwar integriert seien, aber dennoch die afghanische Kultur und Sprache pflegten.

Der Organisationsgrad der Afghanen in Deutschland ist gering, so Knopf. "Es gibt ein paar kleine Vereine, aber keinen, der sich als Ansprechpartner anbietet." Es gab zwar Versuche, eine Dachorganisation der Afghanen in Hamburg zu gründen. "Aber das war ausgesprochen schwierig", erinnert sich Wardak. "Die Leute hatten sich in Afghanistan bekämpft, und auch hier gibt es viel Uneinigkeit."

Drei Wellen afghanischer Zuwanderung

Die Erklärung liegt in der Geschichte des afghanischen Zuzugs nach Deutschland. Es gab drei Wellen afghanischer Zuwanderung: Die erste bestand aus Geschäftsleuten und Studenten, die in den 50er- bis 70er-Jahren kamen. Damals gab es enge deutsch-afghanische Beziehungen: Zwischen den Universitäten Kabul und Köln, Bochum und Bonn gab es Austauschprogramme. Die besten Absolventen der deutschen Schule in Kabul, wo auf Deutsch unterrichtet wurde, kamen nach Deutschland zum Studieren.

Die zweite Welle kam von 1979 an, nach der russischen Invasion in Afghanistan. Darunter waren viele Anhänger der islamistischen Mudschahedin, die gegen die sowjetischen Truppen gekämpft hatten. Als 1992 die Mudschahedin gesiegt hatten und die sowjetfreundliche Regierung gestürzt war, floh die dritte Welle - die Beamten der ehemaligen Linksregierung. Sie fürchteten die Rache der Mudschahedin - und trafen viele ihrer Feinde hier in Deutschland wieder.

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