82 Verletzte
Schweres Zugunglück bei Lindau

Bei einem Frontalzusammenstoß zweier Personenzüge offenbar infolge menschlichen Versagens sind am Donnerstag bei Lindau am Bodensee 82 Menschen zum Teil schwer verletzt worden, die meisten davon Schulkinder.

afp KEMPTEN/ENZISWEILER. Nach Angaben der Polizei in Kempten kollidierten die beiden Nahverkehrszüge im Berufsverkehr gegen 07.30 Uhr auf einer eingleisigen Strecke nahe dem Bahnhof von Bodolz-Enzisweiler (Bayern).

Ausfahrt aus dem Bahnhof zu früh

Ersten Erkenntnissen zufolge soll zuvor einer der beiden Lokführer zu früh aus dem Bahnhof ausgefahren sein. Auch eine automatischen Notbremsung an einem überfahrenen Haltesignal konnte den Zusammenstoß mit dem einfahrenden Zug demnach nicht mehr verhindern. Laut Polizei war es nur dem geringen Tempo der mit insgesamt rund 300 Fahrgästen besetzten Züge zu verdanken, dass nicht noch mehr Menschen zu Schaden kamen. "Sonst hätte es wahrscheinlich auch Tote gegeben", sagte ein Polizeisprecher.

Die beiden Regionalbahnen RB 32203 und RB 32204 waren den Angaben zufolge mit einer großen Zahl von Schülern und Berufspendlern besetzt. Bei dem Zusammenstoß auf der Bahnstrecke zwischen Friedrichshafen und Lindau wurden neun Menschen schwer verletzt, darunter auch die beiden Lokführer. Die Schwerverletzten wurden mit Rettungshubschraubern aus Bayern, Baden-Württemberg, der Schweiz und Österreich in Kliniken geflogen. Weitere 24 der überwiegend jungen Fahrgäste erlitten mittelschwere Verletzungen, 49 trugen leichte Blessuren wie Schürfwunden und Blutergüsse davon. Ein zehnjähriger Junge berichtete nach dem Unfall, zahlreiche Schüler im Gang seien beim Aufprall durch den Zug geschleudert worden. "Ich und meine Klasse sind alle gestanden," sagte der Junge. Durch die Wucht des Zusammenpralls sei er dann zu Boden gestürzt und habe sich an einer Metallhalterung den Arm aufgeschürft.

Großaufgebot an Rettungsdienst-Mitarbeitern

An der Unglücksstelle wenige hundert Meter westlich des Bahnhofs Enzisweiler bemühte sich ein Großaufgebot von rund 120 Rettungsdienst-Mitarbeitern, zehn Notärzten, etwa hundert Feuerwehrleuten sowie 60 Polizisten um die Opfer. Noch drei Stunden nach dem Unfall wurden einige Leichtverletzte in Sanitäts-Zelten am Rande des Bahnhofs behandelt. Die beiden Züge standen weiter ineinander verkeilt an dem an einem Waldstück gelegenen Unfallort, der weiträumig abgesperrt wurde. Die unverletzten Kinder wurden zum großen Teil von ihren Eltern wieder vom Bahnhof abgeholt. Außerdem wurden einige Busse eingesetzt, mit dem ein Teil der Schüler zur Schule gebracht wurde.

"Die Bergungsarbeiten waren sehr gut koordiniert", sagte der Bürgermeister der 3000-Einwohner-Gemeinde Bodolz, Ferdinand Glatthar. Auch Glatthar betonte, die Züge seien vor dem Zusammenstoß in dem 700 Einwohner zählenden Ortsteil Enzisweiler mit "relativ geringer Geschwindigkeit" gefahren. "Der eine Zug war kurz vorher im Bahnhof angefahren, der andere wollte einfahren." Wie die Polizei unter Berufung auf Erkenntnisse des Eisenbahnbundesamtes und des Bundesgrenzschutzes berichtete, handelte es sich bei dem offenbar zu früh in Enzisweiler losgerollten Zug um die Regionalbahn Richtung Friedrichshafen.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Rudolf Bindig kritisierte, die Bahn habe trotz eines entsprechenden Beschlusses des Bundes bislang keine erkennbaren Schritte für einen zweigleisigen Ausbau der Unglücksstrecke unternommen. Auch die PDS-Abgeordneten Eva Bulling-Schröter und Winfried Wolf betonten, obwohl Gelder für einen solchen Ausbau bereit stünden, werde der Ausbau des Schienennetzes "nicht einmal dort ernst genommen, wo absolute Dringlichkeit besteht".

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