960 Todesopfer nach jüngsten Recherchen
Hintergrund: "Ohne die Mauer hätte die DDR nicht überlebt"

Im Juni 1961 verkündete Walter Ulbricht forsch: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Doch in Wirklichkeit wollte seinerzeit keiner so sehr wie der SED-Chef, dass sich der Arbeiter- und Bauernstaat mit einem Wall aus Stein und Beton abschottet, um den Strom zehntausender Flüchtlinge in den Westen zu stoppen. Doch obgleich die Sowjetunion nach neueren historischen Erkenntnissen Ulbrichts Vorhaben eines "antifaschistischen Schutzwalls" offenbar nur halbherzig unterstützte, besiegelte die 155 Kilometer lange Grenzanlage um den Westteil Berlins für 28 Jahre die deutsche Teilung.

afp BERLIN. Im Sommer des Jahres 1961 wurde es ernst für die Machthaber in Ost-Berlin: Die anhaltende Unzufriedenheit mit den Lebensverhältnissen in der DDR sorgte dafür, dass täglich um die Tausend Menschen dem Osten Deutschlands den Rücken kehrten. "Ohne die Mauer hätte die DDR nicht überlebt", meint der Berliner Historiker Bernd Eisenfeld. Dabei war die Schnittstelle zwischen dem Osten und dem Westen Berlins das letzte verbliebene Schlupfloch, denn die Grenze zu Westdeutschland war damals längst abgeriegelt. So drängte Walter Ulbricht in Moskau darauf, auch die Sektorengrenze in der geteilten Metropole dicht zu machen.

Doch nach Überzeugung von Historikern stand die Abriegelung Berlins keineswegs ganz oben auf der Prioritätenliste der sowjetischen Führung. Für den damaligen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow sei Berlin nur "ein Stein im Spiel mit den Amerikanern" gewesen, sagt der Potsdamer Historiker Hans-Hermann Hertle. Im übrigen habe Moskau das Ziel verfolgt, die technologisch vergleichsweise weit fortgeschrittene DDR zum Aushängeschild des sozialistischen Machtbereichs zu machen. Und dafür sei es kaum sinnvoll gewesen, "durch das Schaufenster einen Stacheldraht zu ziehen". Andere Experten wie der SPD-Politiker Egon Bahr sehen bei den Sowjets durchaus die dominierende Rolle: "Die DDR galt als Satellit, und Satelliten sind nicht selbstständig", meint der frühere SPD-Abrüstungsexperte.

Dramatische Szenen an den Grenzanlagen

Nach Hertles Überzeugung ließ Chruschtschow Ulbricht dann doch gewähren, weil schließlich auch die Moskauer Führung von den Flüchtlingsströmen nicht unbeeindruckt bleiben konnte. Am 7. August beschloss das SED-Politbüro, in der Nacht zum 13. August mit der Abriegelung der Sektorengrenze zu beginnen. Am frühen Morgen rissen Arbeiter das Straßenpflaster auf, schichteten Asphaltstücke und Pflastersteine zu Barrikaden auf. Fassungslos mussten die Passanten schließlich mit ansehen, wie Betonpfähle eingerammt und Stacheldrahtverhaue gezogen wurden. An den später durch Betonplatten, Beobachtungstürme und die berüchtigten "Todesstreifen" gesicherten Grenzanlagen spielten sich dramatische Szenen ab. Anfangs versuchten die Menschen, über die noch offenen Wohnungsfenster in der Bernauer Straße in den Westen zu springen, später wurden zahlreiche Flüchtlinge von Angehörigen der DDR-Grenztruppen erschossen. Insgesamt fielen nach jüngsten Erkenntnissen der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" dem DDR-Grenzregime 960 Menschen zum Opfer, 257 von ihnen starben an der Berliner Mauer.

40 Jahre nach der Abriegelung Ost-Berlins wird heute wieder verschärft über die historische Einordnung des Mauerbaus debattiert. So wird insbesondere in der SED-Nachfolgeorganisation PDS die These vertreten, das Grenzregime habe auch der Friedenssicherung gedient, weil andernfalls militärische Auseinandersetzungen gedroht hätten. Dieses Argument will der Historiker Hertle nicht gelten lassen: Der Bau der Mauer habe nun wahrlich nichts mit dem Aufkommen der Entspannungspolitik zu tun, die erst Ende der sechziger Jahre begonnen habe.

Allerdings räumt Hertle ein, dass der Westen in gewisser Weise erleichtert gewesen sei, weil er seinerzeit schlimmeres befürchtet habe - wie etwa die Abriegelung der Zufahrtswege nach West-Berlin. Letztlich seien jedoch die Rechte der West-Alliierten durch die Grenzanlagen nicht berührt worden. Hertles bitteres Fazit über den Bau der Mauer: "Sie richtete sich nur gegen die Ostdeutschen."

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