A-Aktien werden ab heute an den Börsen in Shanghai und Shenzhen in Landeswährung gehandelt
China öffnet sich ausländischen Anlegern

Analysten erwarten eine stufenweise Öffnung des chinesischen Kapitalmarktes und eine zunehmende Bedeutung der Handelsplätze Shanghai und Shenzhen. Der Wettbewerbsdruck auf die Honkonger Börse verstärkt sich.

HONGKONG. Ausländische Investoren können ab Montag an den Börsen in Schanghai und Shenzhen auf die Lokalwährung Renminbi lautende A-Aktien kaufen und sich am Rentenmarkt engagieren, der 340 Mrd. US-Dollar umfasst. Bislang stand ihnen in China lediglich das winzige und illiquide Segment der so genannten B-Aktien offen, die auf Devisen lauten.

Doch Chinas Führung sendet mit dieser Liberalisierung ein wichtiges Signal: Zwar wird die Öffnung wegen rigider Zugangsbeschränkungen und enormer Marktrisiken zunächst keine großen Auswirkungen haben. Analysten erwarten jedoch eine stufenweise Öffnung des Kapitalmarktes für Portfolioströme und Fortschritte bei der Konvertierbarkeit des Renminbi. "Langfristig ist die Bedeutung dieses Schritts enorm," meint Goldman Sachs-Volkswirt Jonathan Anderson; er sieht eine "neue Ära" struktureller Reformen heraufziehen.

Im Moment schürt Chinas schwer angeschlagenes Banksystem allerdings Sorgen vor massiven, kurzfristigen Kapitalbewegungen, die bei der Asienkrise Länder wie Thailand oder Indonesien in die Knie gezwungen haben. Auslandsanleger, die sich in A-Aktien engagieren wollen, werden deshalb harte Beschränkungen aufgezwungen: Sie dürfen höchstens 10 % an einem Unternehmen erwerben, müssen ihr Kapital ein bis drei Jahre im Land belassen und dürfen es danach nur in Portionen abziehen. Sie müssen zudem weltweit mindestens 10 Mrd. US-Dollar managen und versprechen, zwischen 50 und 800 Mill. US-Dollar in China zu investieren.

Doch westliche Fondsmanager, Versicherungen oder Großbanken werden sich zunächst nur vorsichtig in den neuen Markt vorwagen: Kursmanipulation und Bilanzfälschungen sind in China an der Tagesordnung, das Risiko staatlicher Regulierungen ist groß, und Kleinanleger bewegen 90 % des Handelsvolumens. Über dem Markt schwebt darüber hinaus das Damoklesschwert eines massiven Aktienüberhangs: Zwei Drittel aller Aktien befinden sich im Staatsbesitz. Sie sollen über kurz oder lang abgestoßen werden, um das chinesische Sozialsystem zu finanzieren. Hinzu kommen Phantasie-Bewertungen: Für auf Renminbi lautende A-Aktien liegt das Durchschnitts-KGV Goldman Sachs zufolge bei 53 - obwohl viele Unternehmen marode sind. In Hongkong notierte China-Werte (so genannte H-Aktien und Red-Chips) kommen dagegen auf ein KGV von 15.

In einer Umfrage von UBS unter Fondsmanagern zeigen nur 11 % echtes Interesse an dem Markt, berichtet UBS-Analyst Vincent Chan. Die Hongkonger Börse dürfte das mit Freude vernehmen: Denn ihre Bedeutung als internationale Kapitaltankstelle der Volksrepublik könnte schwinden, sollte in Zukunft mehr Auslandskapital direkt an chinesische Börsen strömen. Dennoch erwarten Analysten, dass künftig immer mehr große chinesische Blue-Chips an die Inlandsbörsen gehen werden, anstatt Listings in Hongkong oder New York anzustreben. Das dürfte Chinas Börsen für internationale Großanleger in absehbarer Zeit interessanter machen - vor allem wenn die Regierung gleichzeitig ihr Versprechen hält, Privatfirmen den Zugang an die Börse zu erleichtern, Termingeschäfte zuzulassen und mit den Exzessen am Markt aufzuräumen.

Branchenkenner glauben, dass China auf Grund seiner Größe und seines rapiden Wirtschaftswachstums in globalen Portfolios langfristig einen wichtigen Platz einnehmen wird. Da-zu wird die Führung freilich die jetzigen Beschränkungen für Auslandsanleger lockern müssen. Damit rechnet Goldman-Analyst Anderson in fünf Jahren, wenn China laut WTO-Vereinbarung seine Bankbranche für Ausländer öffnen muss.

Noch hat kein internationales Institut verkündet, ob und wann es in Chinas A-Aktien-Markt einsteigt. Bei der Deutschen Bank studiert man die Bestimmungen noch im Detail. Allerdings haben die Frankfurter bereits Analysten für A-Aktien in Schanghai und wollen noch mehr anheuern. "Wir verfolgen dieses Programm sehr aufmerksam," sagt Ken Borda, Asien-CEO der Deutschen Bank. Die Bank sieht die Volksrepublik als wichtigen Wachstumsmarkt und verhandelt derzeit über den Aufbau eines Joint Venture-Wertpapierhauses, das Börsengänge für A-Aktien betreuen soll. In einem zweiten Schritt will sie sich auch am Wertpapierhandel in China beteiligen.

Quelle: Handelsblatt

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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