Abiturienten- und Studierquoten in Deutschland entsprechen eher denen eines Agrarlandes
Werben für das Studium: Der "Dr. Arbeitslos" hat ausgedient

Werben für das Studium. Werben für Bafög. Spätestens mit der Green Card Debatte ist öffentlich bewusst geworden: Deutschland hat im internationalen Vergleich zu wenig akademisch ausgebildete Fachkräfte. Die ständigen Klagen über die vermeintlich drohende "Akademikerschwemme" und das dabei gern benutzte Schreckgespenst des Taxi fahrenden "Dr. Arbeitslos" haben in der Bildungsdebatte ausgedient.

dpa BERLIN. Bei der am Wochenende in Berlin gestarteten Werbeaktion "Studieren 2001" eines Netzwerkes mehrerer Organisationen von Bundeselternrat bis hin zu den Bildungsministern von Bund und Ländern sitzt auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände mit im Boot. Wie andere Wirtschaftsverbände hatte sie in der Vergangenheit immer wieder zusammen mit konservativen Bildungspolitikern vor zu viel Akademikern in Deutschland gewarnt.

Nicht nur der aktuelle Informatikermangel allein hat diesen Stimmungswechsel provoziert. Arbeitsmarktexperten sehen weitere Engpässe bei Lehrern, Ingenieuren, Chemikern und Biologen voraus. Dabei machen die regelmäßigen Ländervergleiche der OECD seit Jahren deutlich, dass Deutschlands Abiturienten- und Studierquoten eher denen eines Agarlandes als einer Industrienation entsprechen. Während in den wichtigsten Industriestaaten im Durchschnitt gut 40 % der jungen Menschen ein Studium aufnehmen, sind dies in der Bundesrepublik gerade 23 %. In den USA und Japan - ja selbst in Polen - liegt diese Quote schon bei über 50 %.

Aufgeschreckt hat die deutschen Kultusminister auch die jüngste Befragung, nach der nur noch 68 % der Abiturienten des Jahres 1999 überhaupt studieren wollen. "Nicht jeder muss studieren. Jeder sollte aber über gute Berufschancen und über Studiermöglichkeiten Bescheid wissen", begründete Arbeitsamts-Präsident Bernhard Jagoda die Werbeaktion. Die Arbeitslosenquote bei Akademikern liegt bei 3,4 %, die allgemeine Arbeitslosenquote bei knapp zehn Prozent.

Wie sehr sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verändert hat, macht Jagoda an einem anderen Beispiel deutlich. In den 90-er Jahren gingen in Deutschland rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze verloren. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Arbeitsplätze mit akademisch ausgebildeten Kräften von 4,5 auf 5,6 Millionen. Dabei arbeitet nicht jeder im studierten Fachgebiet. Doch Jagoda glaubt, dass sich mit Weiterbildung selbst für die früher als unvermittelbar gescholtenen Japanologen, Alt-Sinologen und Kunsthistoriker interessante Beschäftigungen finden lassen.

Schließlich arbeitet heute auch nicht jeder Absolvent einer beruflichen Ausbildung im erlernten Beruf. Der Autohersteller Ford in Köln gilt zum Beispiel als der größte Arbeitgeber von Bäckern in Deutschland. Jagoda: "Das Wort ausgelernt sollte aus dem deutschen Duden gestrichen werden".

Die regelmäßigen Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerkes (DSW) machen deutlich, dass vor allem Kinder aus ärmeren Familien in den letzten Jahren auf ein Studium verzichtet haben. DSW-Präsident Hans-Dieter Rinkens macht dafür die jahrelange Sparpolitik beim Bafög verantwortlich. Von 100 Kindern aus der Oberschicht studieren über 70. Von 100 Kindern aus Einkommen schwachen Familien nur acht. Dagegen kommen von ihnen noch 33 bis in die gymnasiale Oberstufe.

Eine Befragung der sächsischen Landesregierung bestätigt diesen Trend: Jedes zweite Elternpaar aus einer Normalfamilie zeigte sich unentschlossen, ob man dem Kind wegen der unklaren Finanzierung zum Studium raten sollte. Dagegen war es fast für alle bessergestellten Familien "selbstverständlich", dass der Sohn oder die Tochter auch eine akademische Ausbildung machen sollte. Die gemeinsame Werbeaktion und das zum 1. April in Kraft getretene neue Bafög-Gesetz soll jetzt Abhilfe schaffen.

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