Abkehr vom Wodka
Russlands durstige Kehlen entdecken Biergenuss

Der Schotte liebt den Whisky, der Italiener nippt am Grappa und der Russe stürzt - am liebsten aus dem Wasserglas - seinen Wodka. Dieses Vorurteil verliert, zumindest für das größte Land der Erde, seine Gültigkeit.

HB MOSKAU. Zwischen Ostsee und Pazifik ändern sich die Geschmäcker. "Das Bier überholt den Wodka", schreibt das Nachrichtenmagazin "Itogi" in seiner jüngsten Ausgabe. Russlands Brauereien berauschen sich seit Jahren an zweistelligen Zuwachsraten.

Wer im Sommer über Moskaus Edelmeile, die Twerskaja Uliza spaziert, stößt überall auf das Modegetränk Bier. Junge Frauen flanieren mit kurzen Röcken, cooler Sonnenbrille und einer Halbliterflasche in der Hand. Auf Werbeplakaten locken beliebte Marken wie "Goldenes Fässchen", "Alter Müller" oder "Sibirische Krone" zum Genuss. "Frisch gezapftes Bier im Ausschank" bieten die Biergärten im Schatten der Kreml-Mauern.

Der Bierkonsum hat sich in Russland in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Das Brauereiwesen wächst so schnell wie kaum ein anderer Bereich der Wirtschaft. In diesem Jahr wollen Russlands Brauer 63 Millionen Hektoliter Gerstensaft produzieren, etwa zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Im Bierdurst liegen die Russen mit etwa 40 Litern pro Jahr und Kopf noch deutlich hinter Tschechen und Deutschen (mehr als 120 Liter). Doch die Nation holt auf. Eine Umfrage des renommierten Instituts "Öffentliche Meinung" ergab in diesem Jahr, dass das Bier in Russland den Wodka als beliebtestes Alkohol-Getränk abgelöst hat.

Enormer Werbeaufwand

Erheblich bessere Qualität und ein enormer Werbeaufwand sind Hopfen und Malz des Erfolgs. Ausländische Konzerne wie Carlsberg, Sun Interbrew, Efes oder Detroit Brewing haben mit Milliardeninvestitionen die russischen Brauereien auf Vordermann gebracht. Bier ist in Russland das am stärksten beworbene Produkt überhaupt. "Freiheit für den echten Mann", fordert die populäre Biermarke "Tolstjak" (Dickerchen) in ihren Werbespots.

"In den nächsten Jahren werden wir unseren Umsatz jährlich nur noch um fünf Prozent steigern können", sagt der Geschäftsführer des nationalen Brauereiverbands, Wjatscheslaw Mamontow. Selbst von diesen abgespeckten Prognosen kann das deutsche Brauwesen seit Jahren nur noch träumen.

Der russische Gerstensaft von heute hat nichts mehr gemein mit dem berüchtigten Einheitsbier in der Sowjetunion. Eine Flasche Bier der Marke "Schiguljowskoje" kostete Mitte der 80er Jahre den Pfennigbetrag von 15 Kopeken. Mehr war es auch nicht wert. Für das Flaschenpfand mussten schon 20 Kopeken gezahlt werden. Selbst nach einer halbstündigen Schaukelfahrt im Kofferraum einer Wolgalimousine brachte das Leichtbier mit knapp drei Prozent Alkohol keinen anständigen Schaum zu Stande.

Mischgetränke erobern den Markt

Der Wechsel vom hochprozentigen Wodka zum Bier spiegelt die gesellschaftlichen Veränderungen in Russland wider. In der Gastronomie- und Erlebniswüste Sowjetunion trafen sich die Menschen notgedrungen daheim zu deftiger Hausmannskost und einigen "Wässerchen". Heute reihen sich nicht nur in den Metropolen Moskau und St. Petersburg auf den Hauptstraßen Kneipen und Restaurants aneinander. Das russische Bier wird in Gesellschaft und auf den Straßen getrunken. Die Geschäfte und Kioske verkaufen die Flaschen einzeln, Bierkästen sind in Russland nicht zu sehen.

Russlands traditionelle Neigung zum Hochprozentigen wirkt sich aber auch auf den Biermarkt aus. Immerhin macht der Starkbier-Anteil ein Fünftel des Gesamtkonsums aus. Das Alkoholfreie kommt in Russland - ungeachtet der Nullpromille-Grenze im Straßenverkehr - bislang nur auf einen Anteil von 1,5 Prozent. Das deutsche Reinheitsgebot interessiert russische Brauer kaum. Manch neugieriger Biergenießer entdeckt Mais oder Reis als Zutat auf den Etiketten, zudem sollen Mischgetränke mit Zitrone oder Kirsche den Markt erobern.

Aufgeschreckt durch die Konkurrenz haben auch die Wodkabrennereien eine Werbeoffensive gestartet. Die Branche leidet unter dem hohen Anteil von gefälschten Waren ohne Steuermarke, deren Anteil auf bis zu 30 Prozent geschätzt wird. Allein in Moskau wurden im April in einer Woche 11 700 Flaschen mit gefälschtem Schnaps sichergestellt.

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