ABN Amro betreut den Verkauf der Gilde-Gruppe
Fusionsphantasie im deutschen Biermarkt

Mit sehr viel Geld hat der belgische Bierkonzern Interbrew die Gilde Brauerei erobert. Das Gerangel um den Verkauf und der hohe Preis zeigen, wie attraktiv der deutsche Biermarkt für die ausländische Konkurrenz ist. Investmentbanker rechnen mit weiteren Deals in der zersplitterten Branche.

FRANKFURT/M. Wer sagt eigentlich, dass sich mit Übernahmefantasie kein Geld mehr verdienen lässt? Die Aktionäre der Brauereigilde Hannover AG können sich nach dem beschlossenen Verkauf des Traditionsunternehmens über Gewinne freuen, die an die besten Zeiten des Börsenbooms erinnern.

Allerdings sind die Brauerei-Aktien ein seltenes und teures Gut. Schon bevor die Verkaufspläne den Kurs beflügelten, kostete eine einzige Gilde-Aktie rund 100 000 Euro. Der belgische Brauereiriese Interbrew will jetzt 275 000 Euro für die Edel-Wertpapiere bezahlen, die kaum gehandelt werden, sondern in der Hand von 200 Aktionären, die meisten aus gut betuchten Hannoveraner Familien, liegen.

Eingefädelt haben den Deal die Investmentbanker von ABN Amro unter Führung von Georg Helg aus der Frankfurter Niederlassung des niederländischen Instituts. Das internationale Konsumgüterteam von ABN hatte zuvor bereits die Carlsberg-Gruppe bei Transaktionen in der Türkei und Polen sowie den französischen Danone-Konzern beim Verkauf von drei chinesischen Brauereien an den südafrikanischen Konzern SAB Miller beraten.

Helg sieht den Gilde-Deal als typisches Beispiel für die komplizierte Lage auf dem deutschen Biermarkt, der gemessen am Volumen weltweit an der Spitze liegt. Das macht den Einstieg für internationale Großkonzerne attraktiv, doch Kaufgelegenheiten sind trotz der Beteiligung von Heineken an der Münchner Schörghuber-Gruppe und des Verkaufs der Bremer Becks Brauerei an Interbrew noch immer rar.

Die heimische Bierbranche ist nach wie vor mittelständisch geprägt. Rund 1 300 meist ängstlich auf ihre Selbständigkeit bedachte Brauereien versorgen die Bundesbürger mit kühlem Blonden. Helg rechnet in den kommenden vier Jahren allerdings mit einer drastischen Konsolidierung. An deren Ende werde es in Deutschland nur noch vier große Braugruppen geben, von denen zwei aus dem Ausland kommen dürften.

Als Favoriten für diese Plätze nennt Helg neben Interbrew auch SAB Miller und Heineken. Die beiden hatten sich ebenfalls um den Zuschlag für Gilde beworben. Als attraktivste Ziele für die Ausländer hat der ABN-Banker mittelständische Brauereien wie Bitburger, Krombacher und Veltins ausgemacht aber auch Teile des Getränkekonzerns Brau und Brunnen (Jever) sowie der Holsten-Gruppe (König Pilsener). Die meisten dieser Kandidaten seien allerdings bislang an einem Verkauf nicht interessiert.

Doch die deutschen Brauer kämpfen mit einem ernsten Problem: Der Bierverbrauch sinkt kontinuierlich. "Gute Preise für Übernahmen lassen sich nur erzielen, so lange die Gewinne noch sprudeln und das wird nicht ewig so bleiben", warnt Helg. Das hätten inzwischen viele Eigentümer erkannt, deshalb wachse die Verkaufsbereitschaft.

Die drohende Konsolidierung wird aber nicht allen Brauern das Leben schwer machen. Helg attestiert den Anbietern von Spezialitätenbieren, starken regionalen Marken und den Kostenführern im Billigsegment gute Überlebenschancen. Die große Mitte der Konsumbiere werde es dagegen am härtesten treffen.

Für die Gilde-Brauerei, zu der auch die viertstärkste deutsche Premiummarke Hasseröder gehört, muss Interbrew tief in die Tasche greifen. Der Preis für das gesamte Unternehmen addiert sich auf 575 Mill. Euro. Gilde selbst hatte ursprünglich ein Mindestziel von 450 Mill. Euro ausgegeben. Doch Geld ist beim Verkauf der Hannoveraner Brauerei bei weitem nicht alles. Lange wehrte sich die Stadt Hannover, mit 10 % der größte Gilde-Aktionär, vehement gegen die Verkaufspläne der übrigen Eigentümer. Bürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) fürchtete um seine Steuereinnahmen und um die rund 400 Jobs in der Stadt. Am Ende lenkte Schmalstieg ein, allerdings nur gegen erhebliche Zugeständnisse von Interbrew: 30 Jahre lang bleibt Hannover der Rechtssitz von Gilde, fünf Jahre lang darf es keine betriebsbedingten Kündigungen geben und Interbrew muss 35 Mill. Euro in die Entwicklung der Marke Gilde investieren.

Diese außergewöhnlichen Garantien zeigen, wie wichtig den Belgiern die Übernahme ist. Kein Wunder, schließlich setzt sich Interbrew mit dem Zukauf an die Spitze des deutschen Biermarktes. Der Chef des-Konkurrenten Heineken, Anthony Ruys, sieht die Niederlage im Bieterkampf allerdings gelassen. Er meint, in Deutschland seien inzwischen die Preise verdorben.

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