Abonnement-Meister THW Kiel führt die Tabelle diesmal von unten an
Handball-Tief an der Ostsee

Der FC Bayern des deutschen Handballs, der THW Kiel, hat eine sportliche Krise. Der amtierende Meister konnte noch kein einziges Liga-Spiel gewinnen. Wirtschaftlich macht sich der Fehlstart bislang kaum bemerkbar. Denn die Sponsoren und Fans ziehen noch mit.

MÜNSTER. Der Anruf erreichte Uwe Schwenker unmittelbar nach der Schlappe in Wetzlar. "Bleib ruhig", schepperte es aus dem Mikrofon des Mobiltelefons. "Wir ändern nichts an unserem Engagement." Roland Reime, Vorstandsvorsitzender der Provinzial Versicherungsanstalt, funkte aus dem Urlaub gelassen Zuspruch in die Heimat. Dabei hatten die von ihm unterstützten Handballer gerade eine Niederlage gegen eine Mittelklasse-Mannschaft der Liga einstecken müssen.

Schwenker hörte die freundlichen Worte am anderen Ende der Leitung gern, denn gute Nachrichten erreichen den Geschäftsführer der THW Kiel GmbH & Co KG dieser Tage selten. Schwenker muss sich zwar nicht um einbrechende Aktienkurse sorgen, aber den Mann plagen die bisherigen Arbeitsnachweise seiner Angestellten. Die Bundesliga-Handballer des THW Kiel haben in dieser Saison nach sechs Spieltagen noch nicht gewonnen und treiben das Feld als Tabellenletzter geschlossen vor sich her. Das war vor Wochen noch so schwer vorstellbar wie Tiefschnee im Sommer, denn im Mai hatten sich die Norddeutschen noch als deutscher Meister feiern lassen.

"Noch nimmt die Marke THW keinen Schaden", sagt Schwenker. Unter Handballern gilt Kiel als Pendant zu den Fußballern des FC Bayern München: sportlich meist unerreicht und zudem Branchenkrösus. Zehn Mal gewann der THW - übrigens die Abkürzung für Turnverein Hassee-Winterbek - die deutsche Meisterschaft, allein sieben Titel seit 1994. Dazu drei Mal den DHB-Pokal und zwei Mal den europäischen EHF-Cup. Fehlt bloß der Gewinn der Champions-League.

Wirtschaftlich prosperiert der THW: Die Kapazität der heimischen Ostseehalle wuchs in den vergangenen Jahren von 7 250 auf 10 250 Zuschauer, ohne dass die Zahl der leeren Plätze stieg - Karten für Spiele in Kiel waren bisher stets begehrte und nur schwer erhältliche Wertpapiere. Das hat sich auch bislang nicht geändert. Trotz des ausbleibenden Erfolgs. "Für diese Saison sind wir ausverkauft", sagt Schwenker. Erst die im November beginnenden Spiele der Champions League, für die Karten separat verkauft werden, könnten unter einem schwächeren Besuch leiden.

Dass der THW in der Bundesliga, die als "stärkste Liga der Welt" und "NBA des Handballs" gilt, so in Bedrängnis geraten ist, hat niemand erwartet. Allerdings findet man leicht gute Gründe, um die Malaise zu erklären. Zum Beispiel verließ der Schwede Magnus Wislander (38) nach zwölf Jahren den Verein. Ohne den Welthandballer des Jahrhunderts fehlt die charismatische Führungsfigur der vergangenen Jahre, und der Spanier Demetrio Lozano muss noch einige Monate lang sein kaputtes Knie pflegen. Trotzdem stehen nach wie vor weitere Weltklassespieler im Kieler Kader. Unter anderem Kapitän Stefan Lövgren (31), Johan Pettersson (29) und Staffan Olsson (38), die wie Wislander im Februar mit Schweden die EM gewannen. Der aktuellen Formation, zu der auch der neue Kroate Davor Dominikovic und der lange verletzte Pole Piotr Przybecki zählen, fehlt noch das blinde Verständnis, das Kiel zur Top-Team der vergangenen Jahre hatte werden lassen.

"Zurzeit befinden wir uns in einem Umbruch, der vielleicht größer ausfällt, als wir uns das vorgestellt hatten", sagt Schwenker. "Die Situation ist neu, aber ein Stückchen Souveränität hat man sich in den vergangenen Jahren erworben. In operative Hektik zu verfallen, macht keinen Sinn." Das gilt auch für die Sponsoren, die Gelassenheit signalisieren. Neben der Provinzial Versicherungsanstalt, deren Vorstandsvorsitzender Reime zugleich Vorsitzender des THW-Beirates ist, stemmen Coop, Famila, Madaus und Adidas das Gros des auf fünf Millionen Euro geschätzten Etats. "Wir bleiben ruhig, arbeiten weiter und krempeln die Ärmel noch ein bisschen höher", beteuert Kreisläufer Klaus-Dieter Petersen, mit acht nationalen Titeln erfolgreichster Spieler der Liga.

Eine Geschäftsgrundlage gerät jedoch in Gefahr: die Teilnahme am Europacup. Dafür müsste Kiel wahrscheinlich Fünfter werden, den Pokal des Deutschen Handball-Bundes oder gar die Champions League gewinnen. So großes Geld wie im Fußball lässt sich im Europapokal der Handballer nicht verdienen. "Wir haben immer einen kleinen Betrag im Etat eingeplant, der uns berechtigt, einen Spieler zu bezahlen", sagt Schwenker. Den Zusatzwerfer könnte sich Kiel jedoch ohne europäischen Startplatz - und mit dann weniger Pflichtspielen - sparen.

Das krasse Malen in schwarz und weiß nervt Zvonimir Serdarusic jedoch seit eh und je. Gern erinnert sich der 52-jährige Trainer in seinem zehnten Jahr an vergangene Durststrecken. "Immer wenn man uns totgeschrieben hat, sind wir wieder aufgestanden", sagt Serdarusic kampfeslustig. Schnell denkt man an die jüngste Aufholjagd, als Kiel im Frühjahr fast abgeschlagen mit acht Siegen in Folge noch zur Meisterschaft eilte. Allerdings redet der Trainer klar wider jeglichen Enthusiasmus: "Der THW wird nicht Meister, da bin ich ziemlich sicher. Momentan habe ich nicht die beste Mannschaft."

Und die muss in der Bundesliga erst einmal wieder das Gewinnen lernen. Im Pokal übten die "Zebras" am Mittwochabend das übrigens recht erfolgreich und gewannen beim Ligakonkurrenten Wilhelmshaven mit 23:21. Der aber spielte noch im vergangenen Jahr eine Klasse tiefer.

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