Aborte haben immer Anlass zu Witzen gegeben
Indisches Toilettenmuseum bricht Tabu

Besuchern der indischen Hauptstadt Neu-Delhi wird geraten: Vergesst das großartige Parlamentsgebäude, vergesst die Rote Festung aus dem 17. Jahrhundert. Ein Muss auf der Liste von Sehenswürdigkeiten in der mit fantastischen historischen Bauwerken gespickten Stadt ist für viele Touristen dagegen ein kleines Häuschen: Ein Toilettenmuseum.

Reuters NEU-DELHI. Toiletten haben immer wieder Anlass zu Witzen gegeben, doch das internationale Sulabh Toilettenmuseum hat das einstige Tabu aus dem Hinterzimmer hervorgeholt und es in ein Objekt der Begierde für Touristen verwandelt. Das Museum stellt die Entwicklung vom indischen Ziegelsteinabfluss aus dem Jahr 2500 vor Christus über mittelalterliche Nachttöpfe bis hin zu hochmodernen Toiletteneinrichtungen in U-Booten oder Raumschiffen dar.

Die Museumsmacher weisen den Weg in die Welt der Toilettenkultur mit Fotografien, Nachbauten alter Aborte, Klosprüchen und Wissenswertem über Technologie und Verhaltensregeln. "Wir verzeichnen etwa 500 Besucher im Monat in der Saison von November bis Januar," sagte Museumsprecherin Madhu Singh der Nachrichtenagentur Reuters. "Die meisten werden von der Ungewöhnlichkeit des Museums angezogen."

Doch mit der Darstellung der Toilettengeschichte soll auch eine Lanze für die Würde der Armen gebrochen werden und das Hygienebewusstsein in Indien gestärkt werden. Die nichtstaatliche Organisation Sulabh International Social Service Organisation bemüht sich landesweit um die Errichtung öffentlicher Toiletten, da sich viele der mehr als eine Milliarde Inder noch immer am Straßenrand oder hinter Büschen erleichtern.

Der Soziologe Bindeshwar Pathak hatte 1970 Sulabh gegründet, um die Sanitäranlagen in Indien zu verbessern und die Würde von rund 600 000 Indern und Inderinnen wiederherzustellen, die als Unberührbare bezeichnet werden und am untersten Ende des hinduistischen Kastensystems ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Fäkalien verdienen. "Wir haben bereits für etwa 50 000 ehemalige Fäkaliensammler neue Arbeitsplätze gefunden," sagt Pathak, der sich nach eigenen Angaben von den Ideen des Bürgerrechtlers Mahatma Ghandi inspirieren ließ.

Unter den Nachbauten und Ausstellungsstücken in dem Museum sind auch etliche Raritäten und Kuriositäten. Glucksendes Lachen entgleitet neugierigen Museumsbesuchern beim Betrachten einer mittelalterlichen Reisekommode in Form einer Schatztruhe. "Stellen Sie sich die Überraschung nichts ahnender Wegelagerer vor, wenn sie sich mit solchen Schatztruhen aus dem Staub gemacht haben," ist in einem Begleittext zu lesen. Eine Nachbildung des "Rumpelthrons" von König Ludwig XII., den der französische Herrscher auch als Toilette nutzte, hatte seinerzeit einen Hofnarren aus seinem Tross dazu veranlasst, den König wegen "öffentlicher Verrichtung seiner Notdurft" zu schelten.

Im 19. Jahrhundert ähnelten Nachttöpfe mehr Kunstwerken mit fantasievollen Blumen-, Delfin- oder Löwendarstellungen. Die Toilette der britischen Königin Victoria war goldverziert. Königin Elizabeth I. ließ sich lieber auf gepolsterten, spitzenbesetzten Klobrillen nieder. "Die Schüsseln waren so bunt, dass manche vorschlugen, sie als Suppenschüsseln zu verwenden", sagte Pathak. Aber auch ein futuristisches als "Incinolet" bezeichnetes Modell aus den USA ist ausgestellt, das menschliche Exkremente in ein Häufchen Asche verwandelt.

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